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Staatsgalerie Stuttgart beendet Forschungsprojekt zu Ernst Ludwig Kirchner

Datum 08.08.2016

Die Staats­ga­le­rie Stutt­gart hat ihr Pro­jekt zur Un­ter­su­chung der Pro­ve­ni­enz von 143 Gra­phi­ken des Künst­lers Ernst Lud­wig Kirch­ner (1880-1938) ab­ge­schlos­sen. Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te för­der­te das Pro­jekt für ein Jahr über ei­ne fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dung.

Zu Be­ginn des Pro­jek­tes wur­de an­ge­nom­men, dass die Kirch­ner-Blät­ter aus dem Be­sitz des Ehe­paars Dr. Ger­vais (Zü­rich) stamm­ten. Laut In­ven­ta­r­ein­trag ge­lang­ten sie 1957 über die un­be­kann­te Aca­dé­mie In­ter­na­tio­na­le Da­vos in den Be­sitz der Staats­ga­le­rie Stutt­gart.

Ziel des For­schungs­vor­ha­bens war es, den bis­her un­be­kann­ten Samm­ler Dr. Ger­vais zu iden­ti­fi­zie­ren, mög­li­che jü­di­sche Vor­be­sit­zer der Wer­ke zu re­cher­chie­ren und wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu ih­rer Pro­ve­ni­enz zu er­mit­teln. Über die Samm­lung Ger­vais war bis­lang nur be­kannt, dass Ma­ria Lem­mé (1880-1943) – ei­ne Stutt­gar­ter Künst­le­rin jü­di­scher Her­kunft – ab 1935 Wer­ke von Kirch­ner aus deutsch-jü­di­schen Samm­lun­gen zu dem Ehe­paar Ger­vais in die Schweiz brach­te. Ma­ria Lem­mé selbst wur­de im KZ The­re­si­en­stadt er­mor­det. Die Pro­ve­ni­enz des ge­sam­ten Kon­vo­luts galt so­mit als höchst pro­ble­ma­tisch.

Die Staats­ga­le­rie stell­te in ih­rer Un­ter­su­chung fest, dass sich die Exis­tenz des Samm­lers Dr. Ger­vais in kei­ner Wei­se be­le­gen lässt. Auf­grund der his­to­ri­schen Um­stän­de – Kirch­ners künst­le­ri­scher Nach­lass galt nach dem Zwei­ten Welt­krieg als deut­sches Feind­ver­mö­gen und soll­te in der Schweiz li­qui­diert wer­den –, hal­ten es die Ex­per­ten der Staats­ga­le­rie für wahr­schein­lich, dass das Ehe­paar Ger­vais ei­ne Er­fin­dung der Ver­käu­fer war, um Kirch­ner-Wer­ke nach Deutsch­land ver­kau­fen zu dür­fen. Auch wenn die ge­nau­en Er­wer­bungs­um­stän­de der Samm­lung ein Rät­sel blei­ben, schließt die Staats­ga­le­rie aus, dass es sich bei den Blät­tern um ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­ne Wer­ke han­delt. Sie geht viel­mehr da­von aus, dass die Samm­lung aus dem Nach­lass des Künst­lers stammt.

Seit Ok­to­ber 2009 un­ter­sucht die Staats­ga­le­rie ih­re ei­ge­nen Be­stän­de auf ih­re Pro­ve­ni­en­zen hin. Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te för­der­te im Zu­ge des­sen be­reits ein kurz­fris­ti­ges und zwei län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te.