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Neue Ausgabe des Periodikums »Provenienz & Forschung« veröffentlicht

Datum 13.03.2018

Die Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en sind eng ver­bun­den mit der An­er­ken­nung von Un­recht und Leid. Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen kön­nen da­bei ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag zur Er­in­ne­rungs­kul­tur in Deutsch­land leis­ten. In den letz­ten Jah­ren ha­ben et­li­che In­sti­tu­tio­nen zwi­schen Mün­chen und Ham­burg, Bonn und Wei­mar die In­itia­ti­ve zur Ver­mitt­lung von Pro­ve­ni­enz­for­schung er­grif­fen: mit Son­deraus­stel­lun­gen, mit In­ter­ven­tio­nen in stän­di­gen Aus­stel­lun­gen, mit Me­dien­sta­tio­nen und Au­dio­gui­des, mit spe­zi­el­len Ver­mitt­lungs­pro­gram­men und Ge­sprächs­an­ge­bo­ten. Ei­ne Aus­wahl da­von stel­len wir in die­sem Heft vor.

Zum Ge­leit

Die Pro­ve­ni­enz­for­schung an Mu­se­en, Bi­blio­the­ken und an­de­ren Kul­tur­gut be­wah­ren­den Ein­rich­tun­gen ist kein Selbst­zweck, sie ist kei­ne For­schung im wis­sen­schaft­li­chen Rein­raum. Viel­mehr ist sie im en­gen Zu­sam­men­hang mit den Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en von 1998 zu ver­ste­hen: Sie soll zu »ge­rech­ten und fai­ren Lö­sun­gen« bei­tra­gen und den Nach­fah­ren der vom NS-Re­gime Ver­folg­ten zu ih­rem Recht ver­hel­fen. Die Mu­se­en und Bi­blio­the­ken ge­win­nen wie­der­um Ge­wiss­heit über die Her­kunft ih­res Be­stan­des (oder auch Ge­wiss­heit dar­über, dass die Her­kunft nicht zu er­mit­teln ist).
Das Fin­den die­ser »ge­rech­ten und fai­ren Lö­sun­gen« ist eng ver­bun­den mit der An­er­ken­nung von Un­recht und Leid. Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen soll­ten mit ih­ren Mög­lich­kei­ten des Aus­stel­lens und Ver­mit­telns ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag zur Er­in­ne­rungs­kul­tur in Deutsch­land leis­ten: Sie kön­nen durch die Bio­gra­fi­en ih­rer Ob­jek­te an die­je­ni­gen Samm­ler er­in­nern, die als Op­fer ras­sis­ti­scher Ver­fol­gung ih­ren Be­sitz und oft auch ihr Le­ben ver­lo­ren. Die­sem As­pekt wird, da die letz­ten Ho­lo­caust-Über­le­ben­den als Zeit­zeu­gen ster­ben, zu­künf­tig ei­ne im­mer wich­ti­ge­re Be­deu­tung zu­kom­men.
Die Ver­knüp­fung mensch­li­cher Schick­sa­le mit den Ob­jekt­bio­gra­fi­en ver­hilft nicht nur den Kul­tur­gut be­wah­ren­den Ein­rich­tun­gen zur ei­ge­nen in­sti­tu­tio­nel­len Ver­or­tung und Glaub­wür­dig­keit, son­dern trifft auch auf großes In­ter­es­se bei den Be­su­chern. Die Aus­stel­lun­gen zur Kunst­samm­lung Gur­litt, die vom No­vem­ber 2017 bis März 2018 par­al­lel in der Bun­des­kunst­hal­le Bonn und im Kunst­mu­se­um Bern zu se­hen sind, fin­den große in­ter­na­tio­na­le Be­ach­tung und er­freu­en sich ho­her Be­su­cher­zah­len. Er­freu­li­cher­wei­se ha­ben in den letz­ten Jah­ren et­li­che In­sti­tu­tio­nen zwi­schen Mün­chen und Ham­burg, zwi­schen Ol­den­burg und Wei­mar die In­itia­ti­ve zur Ver­mitt­lung von Pro­ve­ni­enz­for­schung er­grif­fen: mit the­ma­tisch ein­schlä­gi­gen Aus­stel­lun­gen, mit In­ter­ven­tio­nen in ih­ren stän­di­gen Aus­stel­lun­gen, mit Me­dien­sta­tio­nen und Au­dio­gui­des, mit spe­zi­el­len Ver­mitt­lungs­pro­gram­men und Ge­sprächs­an­ge­bo­ten. Ei­ne Aus­wahl da­von stel­len wir Ih­nen in die­sem Heft vor – oh­ne An­spruch auf Voll­stän­dig­keit.
Pro­ve­ni­enz­for­schung kann und soll­te mehr be­wir­ken, sie soll­te nicht nur als ei­ne An­ge­le­gen­heit von Spe­zia­lis­ten und Spe­zia­lis­tin­nen ver­stan­den wer­den. Ge­nau­so wie Mu­se­en und Bi­blio­the­ken es in­zwi­schen als ih­re ur­ei­ge­ne Auf­ga­be be­grei­fen, die Be­stän­de ak­tiv zu un­ter­su­chen, so soll­ten sie es auch als ih­re Auf­ga­be ver­ste­hen, die Me­tho­den und die Er­geb­nis­se der Pro­ve­ni­enz­for­schung ih­ren Be­su­che­rin­nen und Be­su­chern na­he­zu­brin­gen.
Die Er­fah­run­gen aus den ers­ten Son­der­prä­sen­ta­tio­nen zei­gen, dass das Pu­bli­kum ein großes In­ter­es­se an die­ser The­ma­tik hat; es ver­steht sie nicht als stö­rend und vom Kunst­ge­nuss ab­hal­tend. Ganz im Ge­gen­teil: Vie­le emp­fin­den es als ei­ne Be­rei­che­rung, mehr über die We­ge und Hin­ter­grün­de der Ex­po­na­te so­wie über die Me­tho­den und Tech­ni­ken der Pro­ve­ni­enz­for­schung zu er­fah­ren – selbst wenn die­ses »mehr er­fah­ren« auch mit schmerz­li­chen Er­kennt­nis­sen über Raub und Ver­fol­gung ver­bun­den ist.
In die meis­ten die­ser Aus­stel­lun­gen und Ver­mitt­lungs­an­ge­bo­te flos­sen Er­geb­nis­se von For­schungs­pro­jek­ten ein, die durch das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te und sei­ne Vor­gän­ger­ein­rich­tung, die Ar­beits­stel­le für Pro­ve­ni­enz­for­schung, ge­för­dert wor­den wa­ren. Das Zen­trum hat zwar sat­zungs­ge­mäß nicht die Auf­ga­be, Aus­stel­lun­gen oder Ver­mitt­lungs­pro­gram­me zu fi­nan­zie­ren, doch wir se­hen es als ei­ne sehr wich­ti­ge Auf­ga­be an, an­re­gend, be­ra­tend und ide­ell un­ter­stüt­zend zu wir­ken.

Prof. Dr. Gil­bert Lup­fer

Die neue Aus­ga­be des Pe­ri­odi­kums kön­nen Sie kos­ten­pflich­tig beim Sand­stein Ver­lag be­stel­len.

Cover Periodikum »Provenienz & Forschung« (1|2018) Cover Periodikum »Provenienz & Forschung« (1|2018) Ausstellungsimpression "Gekauft – Getauscht – Geraubt? Erwerbungen zwischen 1933 und 1945", eine Studioausstellung zur Provenienzforschung im Germanischen Nationalmuseum Quelle:  Foto: Germanisches Nationalmuseum, Dirk Meßberger