Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Neue Ausgabe des Periodikums »Provenienz & Forschung« veröffentlicht

Datum 15.05.2019

Die ganz un­ter­schied­lich ge­ar­te­ten Kul­tur­gut­ent­zie­hun­gen und -trans­fers auf dem Ge­biet der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne 1945 bis 1949 und in der DDR 1949 bis 1989 wer­den seit 2017 un­ter an­de­rem im Rah­men von Grund­la­gen­for­schungs­pro­jek­ten mit Ko­ope­ra­ti­ons­part­nern des Zen­trums auf­ge­ar­bei­tet. Das vor­lie­gen­de Heft zeigt nicht nur die Not­wen­dig­keit ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Be­trach­tung die­ser zwei Kom­ple­xe, son­dern auch ei­ner Be­wer­tung der Recht­mä­ßig­keit von Ent­zugs­vor­gän­gen. Es be­leuch­tet zu­dem die his­to­ri­schen Ak­teu­re und Me­cha­nis­men und il­lus­triert da­mit die Band­brei­te und Viel­falt der ak­tu­el­len For­schung.

Zum Ge­leit

Zu den Auf­ga­ben des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te zählt auch, die Auf­klä­rung des Ent­zugs von Kunst­wer­ken und Kul­tur­gü­tern in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne (SBZ) und in der DDR zu be­för­dern. Die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen da­für un­ter­schei­den sich je­doch deut­lich von de­nen für die Pro­ve­ni­enz­for­schung und für Re­sti­tu­tio­nen im Zu­sam­men­hang mit dem Kul­tur­gu­traub im NS-Sys­tem. So be­zie­hen sich die »Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en« von 1998 und die »Ge­mein­sa­me Er­klä­rung« von 1999 ex­pli­zit nicht auf Ent­zugs­kon­tex­te nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs und des NS-Staa­tes. Für die Zeiträu­me von 1945 bis 1949 und von 1949 bis 1990 gibt es hin­ge­gen je­weils ei­ge­ne ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen (Ent­schä­di­gungs- und Aus­gleichs­leis­tungs­ge­setz be­zie­hungs­wei­se Ge­setz zur Re­ge­lung of­fe­ner Ver­mö­gens­fra­gen).

Zum Ent­zug von Kunst­wer­ken und an­de­ren Kul­tur­gü­tern in die­ser Zeit lie­gen bis jetzt nur re­la­tiv we­ni­ge ge­si­cher­te und noch we­ni­ger ver­öf­fent­lich­te Fak­ten vor. Dass ne­ben an­de­ren Be­hör­den das Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit ei­ne tra­gen­de Rol­le spiel­te und des­sen Oberst Alex­an­der Schalck-Go­lod­kow­ski seit den 1970er Jah­ren als graue Emi­nenz die Fä­den zog, trägt zu vie­ler­lei Spe­ku­la­tio­nen bei. So war es ei­ne lo­gi­sche Kon­se­quenz für das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te, den Schwer­punkt sei­ner Tä­tig­keit zu­nächst auf die Grund­la­gen­for­schung, in Ko­ope­ra­ti­on mit kom­pe­ten­ten wis­sen­schaft­li­chen Part­nern, zu le­gen. Ko­or­di­na­tor die­ser For­schungs­pro­jek­te von Sei­ten des Zen­trums ist der wis­sen­schaft­li­che Re­fe­rent Ma­thi­as Dei­nert.

Die­ses Heft von Pro­ve­ni­enz & For­schung stellt ers­te Zwi­schen­er­geb­nis­se der Pi­lot­pro­jek­te vor, die be­reits jetzt er­war­ten las­sen, dass un­se­re Sicht auf den Ent­zug von Kul­tur­gü­tern in der SBZ und der DDR er­heb­lich er­wei­tert wer­den wird. Au­ßer­dem wird die Ar­chiv­la­ge zu die­ser The­ma­tik im Heft dis­ku­tiert, et­wa hin­sicht­lich des Bun­de­sar­chivs in Ber­lin und der Be­hör­de des Bun­des­be­auf­trag­ten für die Sta­si-Un­ter­la­gen (BStU) oder auch ei­nes Lan­des­ar­chivs.

Ein­schlä­gi­ge Ak­ti­vi­tä­ten und Er­fah­run­gen von an­de­ren In­sti­tu­tio­nen, un­ab­hän­gig von ei­ner Ko­ope­ra­ti­on mit dem Zen­trum, wer­den au­ßer­dem vor­ge­stellt.

Aus­drück­lich zu be­to­nen ist al­ler­dings, dass mit der För­de­rung und An­re­gung von Pro­jek­ten zum Ent­zug von Kul­tur­gü­tern in der SBZ und der DDR kei­ner­lei Kon­kur­renz zu der zen­tra­len Grün­dungs­auf­ga­be des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te, der Auf­klä­rung des NS-Kul­tur­gu­traubs, be­steht. Die­se wird wei­ter­hin den Mit­tel­punkt bil­den. Man kann die bei­den Un­rechts-Kon­tex­te nicht gleich­set­zen und nicht ge­gen­ein­an­der auf­wie­gen. Die Un­ter­schied­lich­keit der recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen er­laubt auch kei­ne sim­plen Über­tra­gun­gen von dem ei­nen auf das an­de­re Feld. Wohl aber gibt es Syn­er­gi­en in me­tho­di­schen Fra­gen und bis­wei­len so­gar Fall­kon­stel­la­tio­nen, bei de­nen ein Ent­zug zwi­schen 1933 und 1945 sei­ne Fort­set­zung nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs fand.

Be­vor nun aber viel­leicht man­che Le­se­rin­nen und Le­ser zwi­schen Kon­stanz und Kiel, zwi­schen Kre­feld und Kas­sel die­ses Heft bei­sei­te­le­gen, da sie hier ein rei­nes »Ost-The­ma« der neu­en Bun­des­län­der ver­mu­ten, sei ein wich­ti­ger Hin­weis ge­stat­tet: Vie­le staat­li­che Ent­zugs­maß­nah­men in der DDR hat­ten den al­lei­ni­gen Zweck der De­vi­sen­ge­win­nung. Kunst­wer­ke, An­ti­qui­tä­ten, Bü­cher etc. soll­ten nicht die dor­ti­gen Mu­se­en und Bi­blio­the­ken fül­len, son­dern wur­den ge­gen De­vi­sen in die Bun­des­re­pu­blik und an­de­re west­li­che Staa­ten ver­kauft – und man­ches Stück da­von dürf­te sich dort auch
heu­te noch in Mu­se­en, Bi­blio­the­ken und auch Pri­vat­samm­lun­gen be­fin­den.

Prof. Dr. Gil­bert Lup­fer

Die neue Aus­ga­be des Pe­ri­odi­kums kön­nen Sie kos­ten­pflich­tig beim Sand­stein Ver­lag be­stel­len.

Ausgabe 1|2019 des Periodikums Ausgabe 1|2019 des Periodikums "Provenienz&Forschung" Gestell eines kleinen Tisches auf gedrechselten Beinen - 19. Jahrhundert, in einem Depot der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt im ehemaligen Feudalmuseum Schloss Wernigerode Quelle:  Kulturstiftung Sachsen-Anhalt