Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Kulturgutverluste in der DDR - Ein Spezialinventar zu den Stasi-Unterlagen

Kul­tur­gut­ver­lus­te in SBZ und DDR: Bis­lang we­nig Re­cher­che­ma­te­ri­al

Je­de Pro­ve­ni­enz­for­schung setzt brauch­ba­re Re­cher­che­grund­la­gen vor­aus. So ein­fach sich die­se Bin­sen­weis­heit pos­tu­lie­ren lässt, so schwer sind sol­che Grund­la­gen zu fin­den. Und sie sind noch weit­aus schwe­rer zu le­gen – erst recht für den Be­reich der Kul­tur­gut­ver­lus­te in der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne (SBZ) und der DDR. Für die­ses Ge­biet gibt es bis­her zwar durch­aus kri­ti­sches Be­wusst­sein, al­ler­dings nur ver­ein­zelt wis­sen­schaft­li­che For­schung und we­nig be­last­ba­re Be­fun­de. Ein Op­fer­ver­zeich­nis der von SED-staat­li­cher Will­kür be­trof­fe­nen Bür­ger exis­tiert schon aus Da­ten­schutz­grün­den nicht. Vie­le Ak­ten mit Per­so­nen­be­zug in den Ar­chi­ven un­ter­lie­gen noch üb­li­chen Sperr­fris­ten. Sol­che Tat­sa­chen be­ein­träch­ti­gen die Pro­ve­ni­enz­for­schung für die Zeit 1945–1990 er­heb­lich.


Neh­men wir an, bei der Prü­fung von Be­stän­den ei­ner his­to­ri­schen Bü­cher­samm­lung taucht als hand­schrift­li­cher Ein­trag in man­chen Bän­den der Na­me „N.N.“ auf. Ein Blick in die haus­ei­ge­ne Ob­jekt­do­ku­men­ta­ti­on ver­rät le­dig­lich, dass die Bü­cher nicht von „N.N." selbst ge­stif­tet, son­dern von ei­ner staat­li­chen Stel­le z.B. dem Rat des Krei­ses Ab­tei­lung Kul­tur oder dem Fi­nanz­amt oder der Zoll­ver­wal­tung „über­ge­ben“ oder „über­wie­sen“ wur­den. Wo al­so lässt sich bei der Fra­ge an­set­zen, wa­rum hier ei­ne Be­hör­de of­fen­kun­dig Pri­vat­be­sitz ver­teil­te?

Bis­her ho­her Re­cher­che­auf­wand, we­nig Nut­zen

Er­folg­ver­spre­chen­de For­schungs­an­sät­ze konn­ten bis­lang kaum rea­li­siert wer­den. Wenn die ei­ge­ne Über­lie­fe­rung (al­so Ob­jek­tak­ten, Schrift­wech­sel oder ver­streu­te No­ti­zen) nicht noch Zu­satz­in­for­ma­tio­nen bo­ten, muss­te der For­scher Auf­wand und Nut­zen ge­gen­ein­an­der ab­wä­gen – und oft zur nächs­ten Ob­jekt­grup­pe über­ge­hen. Denn nach Per­so­nen­stands­un­ter­la­gen, der ehe­ma­li­gen Wohn­adres­se oder Spu­ren in ex­ter­nen Ar­chi­ven zu fahn­den, hat oh­ne Orts­be­zug und oh­ne kla­ren Hin­weis auf ge­sche­he­nes Un­recht kei­nen Sinn.
Zwar konn­te man den je­wei­li­gen Na­men der Sta­si-Un­ter­la­gen­be­hör­de (BStU) zur Re­cher­che vor­le­gen – al­so prü­fen las­sen, ob das Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) zu „N.N.“ ei­nen ei­ge­nen Vor­gang an­ge­legt hat­te. Doch falls nicht, war es schlicht aus­sichts­los, dort nach ei­ner MfS-Zu­sam­men­ar­beit mit dem be­tref­fen­den Rat des Krei­ses Ab­tei­lung Kul­tur oder dem Fi­nanz­amt oder der Zoll­ver­wal­tung re­cher­chie­ren zu las­sen.

Neu­es Find­buch hilft

Seit we­ni­gen Wo­chen liegt nun ein Find­buch vor, das die­sen Man­gel be­sei­ti­gen hilft: Auf der Su­che nach Kul­tur­gut­ver­lus­ten: Ein Spe­zialin­ven­tar zu den Sta­si-Un­ter­la­gen. Ber­lin 2020. Es ist aus ei­ner Ko­ope­ra­ti­on des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te mit der Sta­si-Un­ter­la­gen­be­hör­de her­vor­ge­gan­gen und be­nennt auf weit mehr als 600 Sei­ten Hin­wei­se zur Be­tei­li­gung des MfS bei DDR-Kul­tur­gut­ver­lus­ten. Wur­de Kul­tur­gut un­ter Mit­hil­fe des MfS ent­zo­gen oder der Ent­zug vor­be­rei­tet oder der Be­trof­fe­ne vor­her ob­ser­viert oder wur­den ein­zel­ne Ob­jek­te und In­sti­tu­tio­nen in die­sem Zu­sam­men­hang ak­ten­kun­dig – so sind die­se Fund­stel­len, so­fern sie sich in den zwei Jah­ren Be­ar­bei­tungs­zeit den Ar­chi­va­ren ge­zeigt ha­ben, ins Find­hilfs­mit­tel auf­ge­nom­men wor­den.

Find­buch spe­zi­ell für For­scher, aber auch In­ter­es­sier­te

Per­so­nen­na­men fin­den sich nicht ver­zeich­net, es sei denn, sie sind be­reits his­to­risch oder Teil des öf­fent­li­chen Le­bens. Der Da­ten­schutz er­laubt kein Nen­nen der Klar­na­men Be­trof­fe­ner oh­ne de­ren (üb­ri­gens wi­der­ruf­ba­re) Ein­wil­li­gung. Da­für aber lie­gen al­le auf­ge­fun­de­nen Na­men, die in der Ver­öf­fent­li­chung an­ony­mi­siert wer­den muss­ten, in der BStU-in­ter­nen Da­ten­bank wei­ter­hin vor – al­so mög­li­cher­wei­se auch der oben er­wähn­te „N.N.“ Für die Pro­ve­ni­enz­for­schung be­deu­tet es, dass ge­ziel­te Na­mensan­fra­gen beim BStU von den dor­ti­gen Mit­ar­bei­tern nun noch um­fang­rei­cher als zu­vor ab­ge­gli­chen wer­den kön­nen. Aber auch für den ein­zel­nen Nut­zer ist das ver­öf­fent­lich­te Werk nicht ge­ring­zu­schät­zen: Im be­ste­hen­den recht­li­chen Rah­men stellt es größt­mög­li­che Trans­pa­renz her. Spe­zi­ell für Pro­ve­ni­enz­for­scher er­öff­net es ei­nen Weg in die Sta­si-Un­ter­la­gen.
Der Zu­griff auf die meis­ten MfS-Ak­ten­be­stän­de ist (der Art ei­ner Ge­heim­po­li­zei ent­spre­chend) über­wie­gend mit­tels Per­so­nen­kar­tei­en mög­lich. Al­so konn­te man sich dem The­ma in den Sta­si-Ak­ten nur dann nä­hern, wenn man be­reits De­tails wuss­te wie et­wa die Na­men von Be­tei­lig­ten und de­ren Ge­burts­da­tum, mög­lichst ta­ges­genau, als Schlüs­sel für die Ak­ten­su­che.
Ein Find­buch aber soll For­scher ge­zielt zu den Ak­ten füh­ren, die für ei­ne For­schungs­fra­ge we­sent­lich und wei­ter­füh­rend sind – auch oh­ne tie­fe­re Er­kennt­nis­se, die zu die­sem Zeit­punkt oft noch gar nicht vor­lie­gen kön­nen. Auf die Be­dürf­nis­se der Pro­ve­ni­enz­for­schung nach 1945 ab­ge­stimmt be­deu­tet dies: Ei­ne Re­cher­che nach Orts­be­zug, In­sti­tu­tio­nen, Er­eig­nis­sen, Be­tei­lig­ten und so­gar Ob­jek­ten ist nun­mehr in den Sta­si-Un­ter­la­gen aus­sichts­reich. Be­fin­den sich im heu­ti­gen Samm­lungs­be­stand z.B. ei­ni­ge Gra­fi­ken von Max Uh­lig oder ein Ge­mäl­de „Mönch“ von Eduard Grütz­ner – so wä­ren in bei­den Fäl­len Tref­fer zu ver­zeich­nen (Dres­den AOPK 479/87, MfS AIM5056/87, MfS AZI985/89). Sol­che Tref­fer kön­nen Kul­tur­gut­ent­zie­hun­gen in der DDR an­deu­ten, zu de­nen da­mit ers­te Aus­gangs­punk­te für ei­ne mög­li­che Re­cher­che vor­lie­gen.

Auch An­sät­ze für For­schung zu „NS-Raub­gut“

Dar­über hin­aus kann auch die NS-Raub­gut­for­schung Nut­zen aus dem BStU-Find­buch zie­hen: In­ner­halb der Sta­si-Un­ter­la­gen sind ei­ni­ge Ak­ten aus der Zeit vor 1945 als his­to­ri­sche Ko­pi­en oder Ma­te­ri­al­samm­lun­gen vor­han­den. „Von der SS-Pan­zer­gre­na­dier-Di­vi­si­on ‚Das Reich‘ ge­raub­te Bil­der und Nach­weis­lis­ten der Beu­te­stel­le der Reichs­haupt­kas­se“ (MfS SdM 932) aus den Jah­ren 1942–1943 oder Be­schlag­nah­me­be­rich­te des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes zu „wich­ti­gem Bi­blio­theks­gut (Bü­cher, Kar­tei­en und Zeit­schrif­ten­rei­hen) aus wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­ten […] aus Kiew, Weiss­ruthe­ni­en und Lem­berg (MfS HA XX 5233)“ der Jah­re 1943–1944 sind da­mit re­cher­chier­bar.
Er­freu­lich wä­re es, wenn das neue Spe­zialin­ven­tar im 30. Jahr der Deut­schen Ein­heit die Er­for­schung von Kul­tur­gut­ver­lus­ten in SBZ und DDR nicht bloß auf ei­ne bes­se­re Grund­la­ge stellt, son­dern auch den Be­darf an For­schung und nö­ti­ger Ver­mitt­lung für die Auf­ar­bei­tung be­wusst ma­chen kann.