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Nach über 75 Jahren: Jüdisches Museum Westfalen restituiert Buch an die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main

Datum 14.09.2021

Das Jü­di­sche Mu­se­um West­fa­len hat am 2. Sep­tem­ber ein his­to­ri­sches Buch an die Jü­di­sche Ge­mein­de Frank­furt am Main zu­rück­ge­ge­ben. Die Schrift war im Rah­men ei­nes durch das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te ge­för­der­ten For­schungs­pro­jek­tes als Be­sitz der Bi­blio­thek der eins­ti­gen Is­rae­li­ti­schen Ge­mein­de Frank­furt am Main iden­ti­fi­ziert wor­den. Es han­delt sich um die Po­pu­lär-wis­sen­schaft­li­chen Mo­nats­blät­ter zur Be­leh­rung über das Ju­den­tum für Ge­bil­de­te al­ler Kon­fes­sio­nen, ei­ne kul­tur­his­to­ri­sche Zeit­schrift des Men­delsohn-Ver­eins aus Frank­furt am Main, die der jü­di­sche Theo­lo­ge Adolf Brüll En­de des 19. Jahr­hun­derts her­aus­gab. Die zehn Mo­nats­heft­chen für das Jahr 1891 bein­hal­ten Auf­sät­ze, die As­pek­te der jü­di­schen Re­li­gi­on re­flek­tie­ren. Das Jü­di­sche Mu­se­um West­fa­len er­warb das Ex­em­plar beim Auf­bau sei­ner Samm­lung im Jahr 1988 über ein An­ti­qua­ri­at in Müns­ter.

Im Ein­band des Bu­ches konn­ten zwei auf­schluss­rei­che Be­sit­zer­stem­pel iden­ti­fi­ziert wer­den. Ein Stem­pel weist auf die „Bi­blio­thek der Is­rae­li­ti­schen Ge­mein­de Frank­furt am Main“ als ur­sprüng­li­che Be­sit­ze­rin hin. Das Ex­em­plar ist ei­nes der we­ni­gen er­hal­te­nen his­to­ri­schen Do­ku­men­te aus der am 6. No­vem­ber 1942 von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf­ge­lös­ten Is­rae­li­ti­schen Ge­mein­de Frank­furt am Main. Die Bi­blio­thek der da­ma­li­gen jü­di­schen Ge­mein­de Frank­furt um­fass­te im Jahr 1937 ei­nen Be­stand von na­he­zu 15.384 Ex­em­pla­ren.

Ein Fo­to­ver­gleich des Ge­mein­de­stem­pels mit ei­ner his­to­ri­schen Auf­nah­me in der Da­ten­bank fold3 be­stä­tig­te den Ver­dacht, dass es sich bei dem Buch um so ge­nann­tes NS-Raub­gut han­delt. Im Of­fen­bach Ar­chi­val De­pot, der zen­tra­len Sam­mel­stel­le für jü­di­sche Kul­tur­gü­ter nach 1945, do­ku­men­tier­te der Di­rek­tor Jo­seph A. Hor­ne den Stem­pel in der Ka­te­go­rie „loo­ted books“ (ge­raub­te Bü­cher).

Auf der In­nen­sei­te des Buchein­ban­des fin­det sich auch ein vio­let­ter Stem­pel mit dem he­bräi­schen Wort הוצא (= her­aus­ge­nom­men). Es liegt na­he, dass das Buch nach der Do­ku­men­ta­ti­on im Of­fen­bach Ar­chi­val De­pot um 1949 als „Outship­ment“ (Aus­fuhr) durch die jü­di­sche Treu­hand­or­ga­ni­sa­ti­on Je­wish Cul­tu­ral Re­con­struc­ti­on nach Is­rael über­führt wur­de, dort in ei­nen Bi­blio­thek­be­stand kam und spä­ter in den Han­del ge­lang­te. Vie­le Bü­cher aus is­rae­li­schen Be­stän­den tra­gen die­sen Stem­pel.

Die Jü­di­sche Ge­mein­de Frank­furt am Main, ide­el­le Rechts­nach­fol­ge­rin al­ler in Frank­furt vor dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an­säs­si­gen jü­di­schen Ge­mein­den, und das Jü­di­sche Mu­se­um West­fa­len möch­ten mit der Rück­ga­be für ei­nen trans­pa­ren­ten Um­gang mit Ob­jek­ten be­las­te­ter Pro­ve­ni­enz sen­si­bi­li­sie­ren und der mo­ra­li­schen Ver­ant­wor­tung für jü­di­sche Kul­tur­gü­ter ge­recht wer­den.

Link zum Jü­di­schen Mu­se­um West­fa­len