Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Projekt Gurlitt identifiziert Gemälde von Thomas Couture als NS-Raubkunst

Datum 25.10.2017

Ein re­pa­rier­tes win­zi­ges Loch führ­te die Pro­ve­ni­enz­for­scher auf die Spur zu Ge­or­ges Man­del. Das Team des Pro­jekts Pro­ven­ienz­re­cher­che Gur­litt konn­te das Ge­mäl­de „Por­trait de jeu­ne fem­me as­si­se“ (Por­trät ei­ner sit­zen­den jun­gen Frau) von Tho­mas Cou­ture an­hand die­ses De­tails als NS-Raub­kunst iden­ti­fi­zie­ren. Das Kunst­werk ge­hör­te ei­nem der be­rühm­tes­ten fran­zö­si­schen Op­fer des Na­zi-Re­gimes: der hoch­ran­gi­ge jü­di­sche Po­li­ti­ker und Na­zi-Geg­ner Ge­or­ges Man­del wur­de von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als „Eh­ren­häft­ling“ in den deut­schen La­gern fest­ge­hal­ten und im Ju­li 1944 von der fran­zö­si­schen Mi­liz im Wald von Fon­tai­nebleau er­mor­det. Sei­ne Pa­ri­ser Woh­nung war schon früh Ziel deut­scher Raub­kunst-Or­ga­ni­sa­tio­nen.

Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters er­klär­te: „Dass es den For­sche­rin­nen und For­schern mit wis­sen­schaft­li­cher Akri­bie und Be­harr­lich­keit ge­lun­gen ist, das Ge­mäl­de von Tho­mas Cou­ture als NS-Raub­kunst zu iden­ti­fi­zie­ren, zeigt ein­mal mehr, wie wich­tig es ist, in der Pro­ve­ni­enz­for­schung nicht nach­zu­las­sen. Ich hof­fe sehr, dass die­ses Werk schnell an die Nach­kom­men des ur­sprüng­li­chen Be­sit­zers zu­rück­ge­ge­ben wer­den kann. Wir sind es den Men­schen, die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­folgt, ih­res Ei­gen­tums und ih­rer Rech­te be­raubt und viel­fach er­mor­det wur­den, schul­dig, al­les für die rück­halt­lo­se Auf­klä­rung des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kunst­raubs zu tun. Es ist und bleibt un­se­re mo­ra­li­sche Pflicht, in Fäl­len NS-ent­zo­ge­ner Kunst­wer­ke für fai­re und ge­rech­te Lö­sun­gen zu sor­gen.”

Ein win­zi­ges tech­ni­sches De­tail führ­te das Team des Pro­jekts Pro­ven­ienz­re­cher­che Gur­litt auf die Spur zu Ge­or­ges Man­del. Auf den ers­ten Blick und mit bloßem Au­ge kaum er­kenn­bar, weist das Por­trät ei­ner sit­zen­den jun­gen Frau von Tho­mas Cou­ture aus dem Kunst­fund Gur­litt in Brust­hö­he der Por­trä­tier­ten ein re­pa­rier­tes Loch auf. Und ge­nau die­se In­for­ma­ti­on no­tier­te sich je­mand, wohl die le­gen­däre fran­zö­si­sche Kunst­schüt­ze­rin Ro­se Valland, im Zu­ge der of­fi­zi­el­len An­spruchsan­mel­dung gleich nach dem Krieg. Das ver­lo­re­ne Cou­ture-Ge­mäl­de war al­ler­dings nur va­ge be­schrie­ben, was an­ge­sichts der zahl­rei­chen Por­träts von Da­men der Ge­sell­schaft durch den be­lieb­ten Künst­ler ei­ne Her­aus­for­de­rung für die Pro­ve­ni­enz­for­schung war. Die klei­ne hand­schrift­li­che No­tiz je­doch brach­te die Pro­ve­ni­enz­for­scher auf die Spur. Mit­hil­fe der Re­stau­ra­to­rin­nen der Bun­des­kunst­hal­le, wo sich das Bild im Zu­ge der Aus­stel­lungs­vor­be­rei­tung für die „Be­stands­auf­nah­me Gur­litt“ be­fin­det, wur­de das Gur­litt-Bild er­neut pe­ni­bel un­ter­sucht und so ent­deckt, dass sich auf Brust­hö­he ein re­pa­rier­tes Loch be­fin­det. Ein wei­te­res ent­schei­den­des Do­ku­ment, un­ter­zeich­net von Eber­hard Frei­herr von Küns­berg, fand sich im Po­li­ti­schen Ar­chiv des Aus­wär­ti­gen Amts in Ber­lin:

„In Aus­füh­rung des […] Auf­trags zur Si­che­rung des jü­di­schen Kunst­be­sit­zes in Frank­reich wur­den un­ver­züg­lich die Vor­ar­bei­ten durch­ge­führt [... Ich (Küns­berg) er­reich­te die] Ge­neh­mi­gung zum Ein­satz der Geh. Feld­po­li­zei zur Si­cher­stel­lung des jü­di­schen Kunst­be­sit­zes und zur Ver­brin­gung in den Ge­wahr­sam der deut­schen Bot­schaft. Die neue Ak­ti­on bei der eben­falls meh­re­re Sach­ver­stän­di­ge mei­ner Kom­mis­si­on be­tei­ligt sind, hat heu­te mit der Durch­su­chung der Woh­nung des Ju­den Man­del be­gon­nen.“
In­fol­ge­des­sen wur­den dann ver­mut­lich ei­ne Rei­he von Kunst­wer­ken, höchst­wahr­schein­lich dar­un­ter das Cou­ture-Bild, in die Deut­sche Bot­schaft Pa­ris ver­bracht.

Auf das Cou­ture-Ge­mäl­de aus dem Nach­lass von Cor­ne­li­us Gur­litt wur­de ein Her­aus­ga­be­an­spruch an­ge­mel­det. Das Pro­jekt Pro­ven­ienz­re­cher­che Gur­litt hat die An­spruch­stel­ler über sei­ne For­schungs­er­geb­nis­se in­for­miert. So­mit han­delt es sich um den sechs­ten Raub­kunst­fall, der seit Ein­set­zung der Taskfor­ce Schwa­bin­ger Kunst­fund von den For­schern auf­ge­deckt wer­den konn­te.

Das bei Herrn Cor­ne­li­us Gur­litt in Schwa­bing auf­ge­fun­de­ne Ge­mäl­de ist seit 2013 über die Lo­start-Da­ten­bank pu­bli­ziert (www.lo­start.de/DE/Fund/478471).

Bild­ma­te­ri­al