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„Wirklich alles aufklären“: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste stellt neue Buchreihe Provenire vor. Band eins: Einblicke in zehn Jahre geförderte Provenienzforschung

Datum 06.11.2019

Was wur­de aus der gra­fi­schen Samm­lung des „Füh­rer­mu­se­ums?“ Was aus Ju­li­us Gold­ners be­rühm­ten Brief­mar­ken von Hel­go­land? Wo­her stam­men die „217 In­sek­ten vom Mon­te Gar­ga­no“ so­wie zwei mensch­li­che Her­zen und vier Fö­ten im Bre­mer Über­see-Mu­se­um? Wel­che Rol­le spiel­ten Auk­tio­na­to­ren bei der Ent­eig­nung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung im Drit­ten Reich? Wie kam es, dass die Er­ben des in Ausch­witz er­mor­de­ten Dresd­ner Ehe­paa­res Eduard und Ri­ta Mül­ler 75 Jah­re spä­ter Emil Nol­des Bild „Frau­en im Blu­men­gar­ten“ aus Duis­burg zu­rück­er­hiel­ten? Und wa­rum ist es heu­te noch ei­ne große Her­aus­for­de­rung, die einst­mals rie­si­ge Kunst­samm­lung des Reichs­mi­nis­ters Her­mann Gö­ring auf ih­re Her­kunft zu durch­leuch­ten?

Pro­ve­ni­enz­for­schung ist auch 74 Jah­re nach dem En­de der Na­zi-Dik­ta­tur ein wei­tes und un­über­sicht­li­ches Feld. Vor al­lem aber: Sie ist mo­ra­li­sche Ver­pflich­tung. Bis heu­te gibt es kei­ne Über­sicht dar­über, was Mu­se­en und Bi­blio­the­ken nach 1945 an die Op­fer der NS-Raub­zü­ge und Plün­de­run­gen zu­rück­ge­ge­ben ha­ben. „Pro­ve­ni­enz­for­schung ist kein Selbst­zweck. Sie soll zu ge­rech­ten und fai­ren Lö­sun­gen im Geis­te der Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en füh­ren“, um­reißt Gil­bert Lup­fer, wis­sen­schaft­li­cher Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te, die große Auf­ga­be. (1998 ver­stän­dig­ten sich 44 Staa­ten in Wa­shing­ton dar­auf, Na­zi-Kunst­raub­gut zu iden­ti­fi­zie­ren, die Ei­gen­tü­mer oder Er­ben aus­fin­dig zu ma­chen und die Fäl­le fair und ge­recht zu lö­sen.)

Die neue Schrif­ten­rei­he „Pro­ve­ni­re“ des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te wirft Licht ins Dun­kel der Ge­schich­te und wagt – oh­ne An­spruch auf Voll­stän­dig­keit - ei­ne vor­läu­fi­ge Be­stands­auf­nah­me. Band eins der im De Gruy­ter Ver­lag er­schei­nen­den Rei­he schil­dert akri­bisch die er­schüt­tern­den Schick­sa­le von Op­fern, die kal­te Dreis­tig­keit der Tä­ter und die viel­fäl­ti­gen Schwie­rig­kei­ten, vor de­nen die For­schung heu­te steht. Der ers­te Band „Pro­ve­ni­enz­for­schung in deut­schen Samm­lun­gen“ gibt Ein­blick in Er­fah­run­gen und Er­geb­nis­se aus zehn Jah­ren For­schungs­för­de­rung zu ver­schie­dens­ten As­pek­ten von NS-Raub­gut in Mu­se­en, Bi­blio­the­ken und Ar­chi­ven in Deutsch­land. Er ver­sam­melt auf 372 Sei­ten, sor­tiert nach Or­ten und Ak­teu­ren des NS-Kul­tur­gu­traubs, ex­em­pla­risch ver­schie­dens­te For­schungs­pro­jek­te, die ab 2008 durch die Ar­beits­stel­le für Pro­ve­ni­enz­for­schung und ab 2015 durch das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ge­för­dert wur­den.

„Die ver­schie­de­nen Bei­trä­ge des Bu­ches“, so wis­sen­schaft­li­cher Vor­stand Lup­fer, be­leg­ten ein­deu­tig die über die Jah­re in Deutsch­land ge­wach­se­ne Ab­sicht, „wirk­lich al­les auf­zu­klä­ren“. Längst sei aus ei­ner Sa­che we­ni­ger ein An­lie­gen vie­ler ge­wor­den: „Da­von dass sich „die Mu­se­en“ ver­wei­gern oder Raub­gut in ih­ren De­pots ver­ste­cken, kann wirk­lich kei­ne Re­de mehr sein.“

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