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Deutsches Zentrum Kulturgutverluste bewilligt in der ersten Antragsrunde 2021 rund 685.000 Euro für fünf Forschungsprojekte zu kolonialen Kontexten   

Datum 14.05.2021

Deut­sches Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te be­wil­ligt in der ers­ten An­trags­run­de 2021 rund 685.000 Eu­ro für fünf For­schungs­pro­jek­te zu ko­lo­nia­len Kon­tex­ten   

Wäh­rend der Ko­lo­ni­al­zeit ge­lang­ten Ob­jek­te aus al­ler Welt nach Deutsch­land. Noch heu­te be­fin­den sich Kul­tur­gü­ter aus eins­ti­gen Ko­lo­ni­al­ge­bie­ten in Mu­se­en oder uni­ver­si­tär­en Samm­lun­gen – häu­fig ist un­klar, ob sie ge­tauscht, ge­kauft oder ge­raubt wur­den. Da­ne­ben gibt es in den Ein­rich­tun­gen aber auch mensch­li­che Über­res­te, die man et­wa zum Zwe­cke an­thro­po­lo­gi­scher so­ge­nann­ter „Ras­se-For­schun­gen“ nach Eu­ro­pa ver­schlepp­te.

Um zu klä­ren, wo­her und un­ter wel­chen Um­stän­den die Ob­jek­te und mensch­li­chen Über­res­te in deut­sche Samm­lun­gen ka­men, hat nun der Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg auf Emp­feh­lung sei­nes För­der­bei­rats in der ers­ten An­trags­run­de 2021 fünf For­schungs­an­trä­gen im Be­reich „Ko­lo­nia­le Kon­tex­te“ zu­ge­stimmt und da­für ins­ge­samt 684.493 Eu­ro För­der­geld be­wil­ligt. Drei der Pro­jek­te wur­den neu be­an­tragt, zwei be­reits lau­fen­de wer­den ver­län­gert.

Ein Ver­bund­pro­jekt in Ba­den-Würt­tem­berg be­fasst sich mit der Her­kunft mensch­li­cher Über­res­te in den wis­sen­schaft­li­chen Samm­lun­gen des Lan­des. Sie wur­den einst von den In­sti­tu­tio­nen er­forscht und un­ter­ein­an­der ge­tauscht. Ent­spre­chend ha­ben sich nun auch meh­re­re Ein­rich­tun­gen zu­sam­men­ge­tan, um die­se Be­stän­de auf­zu­ar­bei­ten: Das Mu­se­um und die Os­teo­lo­gi­sche Samm­lung der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, die Staat­li­chen Mu­se­en für Na­tur­kun­de in Stutt­gart und Karls­ru­he und das Lin­den-Mu­se­um Stutt­gart ge­hen der Pro­ve­ni­enz von mehr als 100 mensch­li­chen Über­res­ten aus Afri­ka nach.

Ein Ver­bund­pro­jekt, das ganz Deutsch­land um­spannt, wid­met sich ei­nem heu­te oft ver­ges­se­nen Ko­lo­ni­al­ge­biet: Plün­der­gut aus Chi­na un­ter­sucht die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz im Ver­bund mit dem MARKK Ham­burg, dem Mu­se­um Fünf Kon­ti­nen­te Mün­chen, dem Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst, Frank­furt am Main, dem Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be, Ham­burg und dem Gras­si Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst Leip­zig. Nach der Nie­der­schla­gung des Wi­der­stands der so­ge­nann­ten „Bo­xer-Be­we­gung“ wur­den tau­sen­de Kul­tur­gü­ter aus Chi­na ins Deut­sche Reich ge­schafft. Die Mu­se­en er­for­schen nun, ob ge­raub­te Ob­jek­te aus Chi­na in ih­ren Be­stän­den sind.

Das von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den zum 1.1.2015 ge­grün­de­te Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ist in Deutsch­land zen­tra­ler An­sprech­part­ner zu Fra­gen un­recht­mä­ßig ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts. Das Zen­trum wird von der Be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Me­di­en in­sti­tu­tio­nell ge­för­dert und er­hält von dort auch die Mit­tel für sei­ne Pro­jekt­för­de­rung. Das Haupt­au­gen­merk des Zen­trums gilt dem im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nen Kul­tur­gut, ins­be­son­de­re aus jü­di­schem Be­sitz. Seit Ja­nu­ar 2019, als das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te um ei­nen Fach­be­reich für ko­lo­nia­le Kon­tex­te er­wei­tert wur­de, ist es auch mög­lich, die För­de­rung von Pro­jek­ten zu be­an­tra­gen, die sich mit Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten be­fas­sen. Seit­dem wur­den ins­ge­samt rund 3.1 Mil­lio­nen Eu­ro für 27 Pro­jek­te in die­sem Be­reich be­wil­ligt.

An­trä­ge für län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­weils zum 1. Ja­nu­ar und 1. Ju­ni ei­nes Jah­res ein­ge­reicht wer­den, kurz­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­der­zeit be­an­tragt wer­den. An­trags­be­rech­tigt sind al­le Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land in öf­fent­lich-recht­li­cher Trä­ger­schaft, die Kul­tur­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten sam­meln, be­wah­ren oder er­for­schen. Da­zu zäh­len Mu­se­en, Uni­ver­si­tä­ten und an­de­re For­schungs­ein­rich­tun­gen. Seit dem 1.1.2021 kön­nen An­trä­ge auch von Ein­rich­tun­gen ge­stellt wer­den, die als ge­mein­nüt­zig an­er­kannt sind und ih­ren Sitz in Deutsch­land ha­ben.

Deut­sches Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te
Stif­tung bür­ger­li­chen Rechts
Le­na Grund­hu­ber
Pres­se­stel­le
Hum­boldt­stra­ße 12 | 39112 Mag­de­burg
Te­le­fon +49 (0) 391 727 763 35
Te­le­fax +49 (0) 391 727 763 6
pres­se@kul­tur­gut­ver­lus­te.de
www.kul­tur­gut­ver­lus­te.de

An­hang zur Pres­se­mit­tei­lung

Die ge­för­der­ten 5 Ein­rich­tun­gen sind im Ein­zel­nen:

-                     Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen (MUT) mit Ver­bund­part­nern
-                     Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz mit Ver­bund­part­nern
-                     Lip­pi­sches Lan­des­mu­se­um Det­mold / Uni­ver­si­tät Bie­le­feld
-                     Mu­se­um am Ro­then­baum (MARKK), Ham­burg
-                     Mu­se­um Na­tur und Mensch Frei­burg

Neue Pro­jek­te:

Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen / Os­teo­lo­gi­sche Samm­lung der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen / Staat­li­ches Mu­se­um für Na­tur­kun­de Stutt­gart / Staat­li­ches Mu­se­um für Na­tur­kun­de Karls­ru­he / Lin­den-Mu­se­um Stutt­gart
In den wis­sen­schaft­li­chen Samm­lun­gen des Lan­des Ba­den‐Würt­tem­berg wer­den zahl­rei­che mensch­li­che Über­res­te auf­be­wahrt. Der wis­sen­schaft­li­che Aus­tausch zu ih­rer Er­for­schung wie auch der tat­säch­li­che Tausch oder der An­kauf von Ske­let­ten, Schä­deln oder an­de­ren Kör­per­tei­len fand in­sti­tu­tio­nen­über­grei­fend statt. Ziel des Pro­jek­tes ist da­her zum ei­nen die Grund­la­gen- und Kon­text­for­schung zu die­sen Ak­teur­s­netz­wer­ken, zum an­de­ren die Er­for­schung der Pro­ve­ni­enz von mehr als 100 mensch­li­chen Über­res­ten, die vor 1919 aus ver­schie­de­nen Re­gio­nen Afri­kas in die Samm­lun­gen ka­men. 

Lip­pi­sches Lan­des­mu­se­um Det­mold / Uni­ver­si­tät Bie­le­feld
Ziel des Pro­jekts ist die Er­for­schung der Pro­ve­ni­enz von zwei ca. 300 Ob­jek­te um­fas­sen­den Kon­vo­lu­ten der völ­ker­kund­li­chen Samm­lung des Lip­pi­schen Lan­des­mu­se­ums.Bei­de Kon­vo­lu­te sind zur Zeit des deut­schen Ko­lo­nia­lis­mus in West- und Ost­afri­ka zu­sam­men­ge­tra­gen wor­den. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Samm­lun­gen am Ran­de von so­ge­nann­ten „Straf­ex­pe­di­tio­nen“ oder im Zu­ge von Ge­walt­an­wen­dung von Au­gust Kirch­hof und Eu­gen Zint­graff ak­qui­riert wur­den, die im deut­schen Ko­lo­ni­al­dienst stan­den, so­wie von Zint­graffs Bru­der Al­fred, der als deut­scher Di­plo­mat in Ost­afri­ka agier­te.

Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz / MARKK Ham­burg / Mu­se­um Fünf Kon­ti­nen­te Mün­chen / Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst, Frank­furt am Main / Mu­se­um für Kunst und Ge­wer­be, Ham­burg / Gras­si Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst Leip­zig
Im Au­gust 1900 wur­de die häu­fig als „Bo­xer“ be­zeich­ne­te, an­ti­ko­lo­nia­le Be­we­gung in Chi­na nie­der­ge­schla­gen. Tau­sen­de von Ar­te­fak­ten aus den sich an­schlie­ßen­den Plün­de­run­gen ge­lang­ten in deut­sche Mu­se­ums­samm­lun­gen. Ziel der For­schung ist es, erst­mals die Be­stän­de von sie­ben deut­schen Mu­se­en im Ver­bund auf mög­li­ches Plün­der­gut aus dem „Bo­xer­krieg“ hin zu un­ter­su­chen. Das Pro­jekt wird in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit der Shang­hai Uni­ver­si­ty durch­ge­führt, über die ei­ne Ver­net­zung mit wei­te­ren Part­ner:in­nen und Ex­pert:in­nen in Chi­na statt­fin­den wird.

Ver­län­ger­te Pro­jek­te (lau­fen seit 2019):

Mu­se­um am Ro­then­baum (MARKK), Ham­burg
Ziel des Pro­jek­tes ist die Er­for­schung der Ver­bin­dun­gen zwi­schen Han­dels­netz­wer­ken und dem Sam­meln von eth­no­gra­fi­schen Ob­jek­ten in Ozea­ni­en. Im ers­ten Pro­jekt­jahr konn­te be­reits für West­afri­ka er­mit­telt wer­den, wie ko­lo­nia­le Ak­teu­re beim Sam­meln auf Han­delss­truk­tu­ren zu­rück­grif­fen. Da­bei sol­len ins­be­son­de­re Ver­dachts­mo­men­te un­ter­sucht wer­den, die auf zwei­fel­haf­te An­eig­nungs­prak­ti­ken wie zum Bei­spiel ko­lo­nia­le Über­grif­fe oder die Nut­zung von un­glei­chen Mach­struk­tu­ren hin­deu­ten.

Mu­se­um Na­tur und Mensch Frei­burg
Un­ter­sucht wird die 279 Ob­jek­te um­fas­sen­de Samm­lung von An­to­nie Brand­eis, der Ehe­frau von Eu­gen Brand­eis, der meh­re­re Po­si­tio­nen in­ner­halb der ko­lo­nia­len Ver­wal­tung in un­ter­schied­li­chen Re­gio­nen des Pa­zi­fiks in­ne­hat­te – zu­letzt die des „kai­ser­li­chen Lan­des­haupt­manns“ auf den Mars­hall-In­seln. Die zum größ­ten Teil aus Mi­kro­ne­si­en stam­men­de Samm­lung soll auf ko­lo­nia­le Ver­flech­tun­gen hin un­ter­sucht und in ei­nem Dia­log­pro­zess mit den Her­kunfts­ge­sell­schaf­ten er­forscht und neu kon­tex­tua­li­siert wer­den.