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Deutsches Zentrum Kulturgutverluste bewilligt in der ersten Förderrunde 2021 rund 2,8 Millionen Euro für 31 Projekte der Provenienzforschung im Bereich „NS-Raubgut“

Datum 25.05.2021

Er galt als Duz­freund Hit­lers, war bes­tens ver­netzt im NS-Staat – und Grün­der des heu­ti­gen Deut­schen Jagd- und Fi­sche­rei­mu­se­ums in Mün­chen. Chris­ti­an We­ber, ge­nannt „Ty­rann von Mün­chen“, hat­te die Grün­dung des „Deut­schen Jagd­mu­se­ums“ 1938 in­iti­iert und sorg­te da­für, dass sich die Samm­lung vor al­lem in den Kriegs­jah­ren auf­fal­lend ver­grö­ßer­te: durch Dienst­rei­sen ins be­setz­te Frank­reich, durch Kon­tak­te zu Kunst­händ­lern, vor al­lem aber durch sei­ne Ver­bin­dun­gen zu hoch­ran­gi­gen NS-Funk­tio­nären oder zur Ge­sta­po. Ob und wel­che Kunst­wer­ke und Ob­jek­te der Mu­se­ums­samm­lung ge­raubt oder er­presst wur­den und wie We­ber sich da­bei auch per­sön­lich be­rei­cher­te, das soll jetzt ein vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te ge­för­der­tes Pro­ve­ni­enz­for­schungs­pro­jekt klä­ren. Ei­ni­ge Ob­jek­te wur­den be­reits als Raub­gut aus dem Be­sitz jü­di­scher Samm­ler iden­ti­fi­ziert, mo­men­tan gel­ten 156 als mög­li­cher­wei­se be­las­tet.

Das Pro­jekt in Mün­chen ist ei­nes von 31 For­schungs­vor­ha­ben im Be­reich NS-Raub­gut, die in der ers­ten För­der­run­de 2021 vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wer­den. Der Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te hat auf Emp­feh­lung sei­nes För­der­bei­ra­tes in die­ser ers­ten An­trags­run­de 2021 rund 2,8 Mil­lio­nen Eu­ro für Pro­ve­ni­enz­for­schung an Mu­se­en, Bi­blio­the­ken, wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen so­wie für sechs pri­va­te An­trag­stel­ler be­wil­ligt.

Da­bei wer­den nicht nur Kunst­wer­ke un­ter­sucht, son­dern zum Bei­spiel auch Bü­cher: Die Stif­tung Mo­ses Men­dels­sohn Aka­de­mie Hal­b­er­stadt et­wa er­forscht die Her­kunft ei­nes um­fang­rei­chen Kon­vo­luts aus tau­sen­den Bü­chern und lo­sen Blät­tern, das 2018 in 20 Mu­ni­ti­ons­kis­ten der Wehr­macht und ei­ni­gen Um­zugs­kar­tons an die Stif­tung über­ge­ben wur­de. Ers­te Re­cher­chen le­gen na­he, dass die Bü­cher zum größ­ten Teil aus dem Be­sitz de­por­tier­ter oder emi­grier­ter Ju­den stam­men.

Nicht nur die Mu­se­en und Bi­blio­the­ken un­ter­su­chen die Her­kunft ih­rer Be­stän­de. Nach­fah­ren von Ver­folg­ten er­for­schen die Ge­schich­te der ver­streu­ten Samm­lun­gen ih­rer Vor­fah­ren: Ha­gar Lev, Ur­en­ke­lin des jü­di­schen Münch­ner Bett­fe­dern­fa­bri­kan­ten Karl Ad­ler und sei­ner Frau Emi­lie, wid­met sich der Re­kon­struk­ti­on der um­fang­rei­chen Kunst­samm­lung ih­res Ur­groß­va­ters. Karl Ad­ler wur­de 1938 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au er­mor­det, sei­ne Samm­lung mit Wer­ken der Klas­si­schen Mo­der­ne wur­de be­schlag­nahmt und ist heu­te ver­schol­len. Das Pro­jekt soll den Ver­bleib der min­des­tens 130 Kunst­wer­ke klä­ren, es soll aber auch die Ver­diens­te ver­folg­ter, ver­ges­se­ner Samm­ler wie Karl Ad­ler um das kul­tu­rel­le Le­ben in Deutsch­land wie­der ins Be­wusst­sein ru­fen.

Bund und Län­der ha­ben seit 2008 die Pro­ve­ni­enz­for­schung im Be­reich NS-Raub­gut mit ins­ge­samt 39,6 Mil­lio­nen Eu­ro ge­för­dert, mit de­nen bis­lang 391 Pro­jek­te rea­li­siert wer­den konn­ten. Das von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den zum 01.01.2015 ge­grün­de­te Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ist in Deutsch­land zen­tra­ler An­sprech­part­ner zu Fra­gen un­recht­mä­ßig ent­zo-ge­nen Kul­tur­guts. Das Zen­trum wird von der Be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Me­di­en in­sti­tu­tio­nell ge­för­dert und er­hält von dort auch die Mit­tel für sei­ne Pro­jekt­för­de­rung. An­trä­ge für län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­weils bis zum 1. Ja­nu­ar und 1. Ju­ni ei­nes Jah­res ein­ge­reicht wer­den.

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te för­dert nicht nur For­schungs­pro­jek­te, es do­ku­men­tiert dar­über hin­aus Kul­tur­gut­ver­lus­te auch in sei­ner öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Da­ten­bank „Lost Art“ als Such- und Fund­mel­dun­gen. Die Er­geb­nis­se der ge­för­der­ten For­schungs­pro­jek­te stellt das Zen­trum in sei­ner For­schungs­da­ten­bank „Pro­vea­na“ un­ter www.pro­vea­na.de dar.

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