Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bewilligt in der ersten Förderrunde 2022 rund 3,1 Millionen Euro für 24 Projekte der Provenienzforschung im Bereich „NS-Raubgut“

Datum 19.05.2022

Am Vor­mit­tag des 6. Mai 1933 stürm­te ei­ne Grup­pe der Deut­schen Stu­den­ten­schaft ran­da­lie­rend und plün­dernd das In­sti­tut für Se­xual­wis­sen­schaft in Ber­lin-Tier­gar­ten. Vier Ta­ge spä­ter brann­ten die ge­raub­ten Schrif­ten auf dem Ber­li­ner Opern­platz. In­sti­tuts­di­rek­tor Ma­gnus Hirsch­feld schätz­te spä­ter, dass 12.000 sei­ner Bü­cher der Bü­cher­ver­bren­nung durch das NS-Re­gime zum Op­fer fie­len. Große Tei­le sei­ner Bi­blio­thek und sei­nes Ar­chivs gin­gen in Flam­men auf, die üb­ri­gen Ar­chi­va­li­en, Pa­ti­en­ten­ak­ten, Kunst­wer­ke, De­mons­tra­ti­ons- oder Se­xu­al-Ob­jek­te wur­den zer­stört, ge­stoh­len, ver­kauft und ver­teilt. Hirsch­feld er­warb spä­ter im Exil Tei­le der Be­stän­de zu­rück, um sein In­sti­tut in Pa­ris neu zu grün­den. Doch da­zu soll­te es nicht kom­men: Der Se­xualauf­klä­rer, der heu­te auch als Vor­den­ker quee­rer Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen gilt, ver­starb 1935 an sei­nem 67. Ge­burts­tag in Niz­za. Im Rah­men ei­nes vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te ge­för­der­ten Pro­jekts will nun die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft e.V. ver­su­chen, den ver­lo­re­nen Be­stand und die bis 1936 fort­dau­ern­den Kon­fis­ka­tio­nen zu re­kon­stru­ie­ren. Da­bei soll ein be­bil­der­ter Ka­ta­log ent­ste­hen, der Mu­se­en und Samm­lun­gen zur Über­prü­fung ih­rer Be­stän­de die­nen kann.

Das Pro­jekt ist ei­nes von 24 For­schungs­vor­ha­ben im Be­reich NS-Raub­gut, die in der ers­ten För­der­run­de des Jah­res 2022 vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wer­den. Der Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te hat auf Emp­feh­lung sei­nes För­der­bei­ra­tes in die­ser ers­ten An­trags­run­de rund 3,1 Mil­lio­nen Eu­ro für Pro­ve­ni­enz­for­schung an Mu­se­en, Bi­blio­the­ken, wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen so­wie für pri­va­te An­trag­stel­ler be­wil­ligt.

Un­ter an­de­rem wird auch das Deut­sche Mu­se­um in Mün­chen, ei­nes der be­deu­tends­ten Wis­sen­schafts- und Tech­nik­mu­se­en der Welt, ei­nen grö­ße­ren Be­stand auf sei­ne Her­kunft über­prü­fen. Bis­her ging man da­von aus, dass das Mu­se­um nur in Ein­zel­fäl­len be­trof­fen sei. Re­cher­chen ha­ben nun bei ei­ner min­des­tens drei­stel­li­gen Zahl von Ob­jek­ten Ver­dachts­mo­men­te für ei­ne mög­li­che Pro­ve­ni­enz aus NS-Kon­tex­ten ge­zeigt. Dar­un­ter sind Schreib­ma­schi­nen, Mu­sik­in­stru­men­te, ein wert­vol­les Gra­pho­me­ter – und ein Flug­zeug.

Bund und Län­der ha­ben seit 2008 die Pro­ve­ni­enz­for­schung im Be­reich NS-Raub­gut mit ins­ge­samt rund 44.9 Mil­lio­nen Eu­ro ge­för­dert, mit de­nen bis­lang 415 Pro­jek­te rea­li­siert wer­den konn­ten. Das von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den zum 01.01.2015 ge­grün­de­te Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ist in Deutsch­land zen­tra­ler An­sprech­part­ner zu Fra­gen un­recht­mä­ßig ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts. Das Zen­trum wird von der Be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Me­di­en in­sti­tu­tio­nell ge­för­dert und er­hält von dort auch die Mit­tel für sei­ne Pro­jekt­för­de­rung. An­trä­ge für län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­weils bis zum 1. Ja­nu­ar und 1. Ju­ni ei­nes Jah­res ein­ge­reicht wer­den.

Das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te för­dert nicht nur For­schungs­pro­jek­te, es do­ku­men­tiert dar­über hin­aus Kul­tur­gut­ver­lus­te auch in sei­ner öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Da­ten­bank „Lost Art“ als Such- und Fund­mel­dun­gen. Die Er­geb­nis­se der ge­för­der­ten For­schungs­pro­jek­te stellt das Zen­trum in sei­ner For­schungs­da­ten­bank „Pro­vea­na“ un­ter www.pro­vea­na.de dar.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu den För­der­mög­lich­kei­ten un­ter: www.kul­tur­gut­ver­lus­te.de

Deut­sches Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te
Stif­tung bür­ger­li­chen Rechts
Le­na Grund­hu­ber
Pres­se­stel­le
Hum­boldt­stra­ße 12 | 39112 Mag­de­burg
Te­le­fon +49 (0) 391 727 763 35
pres­se@kul­tur­gut­ver­lus­te.de
www.kul­tur­gut­ver­lus­te.de

Pres­se­mit­tei­lung (PDF, 122 KB)

An­hang zur Pres­se­mit­tei­lung (PDF, 126 KB)