Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bewilligt in der ersten Antragsrunde 2022 rund 1,6 Millionen Euro für neun Forschungsprojekte zu kolonialen Kontexten

Datum 25.05.2022

Wenn von ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­en die Re­de ist, dann zu­meist von Ge­bie­ten im so­ge­nann­ten Glo­ba­len Sü­den. Doch ko­lo­nia­le Un­ter­drückung fand auch im ho­hen Nor­den statt. Dort lit­ten die Sá­men un­ter dem so­ge­nann­ten „Nor­di­schen Ko­lo­nia­lis­mus“. Die ein­zi­gen in­di­ge­nen Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas, die in den nörd­li­chen Re­gio­nen Nor­we­gens, Finn­lands, Schwe­dens und auf der Ko­la-Halb­in­sel der Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on zu­hau­se sind, ver­lo­ren wäh­rend der Un­ter­drückung durch die Na­tio­nal­staa­ten nicht zu­letzt die meis­ten ma­te­ri­el­len Zeug­nis­se ih­rer Kul­tur. Die be­deu­tends­te sá­mi­sche Samm­lung au­ßer­halb Nord­eu­ro­pas ist heu­te im Mu­se­um Eu­ro­päi­scher Kul­tu­ren (MEK) in Ber­lin-Dah­lem zu fin­den. Jetzt soll die­ser Be­stand sys­te­ma­tisch auf­ge­ar­bei­tet wer­den: Das MEK un­ter­sucht im Rah­men ei­nes vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te ge­för­der­ten Pro­jekts und in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit sá­mi­schen Part­ner:in­nen die Her­kunft von rund 1000 Ob­jek­ten und Fo­to­gra­fi­en.

Um zu klä­ren, wie Kul­tur­gü­ter aus Skan­di­na­vi­en, Ost­afri­ka oder Chi­na, aber auch mensch­li­che Über­res­te aus eins­ti­gen Ko­lo­ni­al­ge­bie­ten in deut­sche Samm­lun­gen ge­kom­men sind, hat nun der Vor­stand des Deut­schen Zen­trums Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg auf Emp­feh­lung sei­nes För­der­bei­rats in der ers­ten An­trags­run­de 2022 neun For­schungs­an­trä­gen im Be­reich „ko­lo­nia­le Kon­tex­te“ zu­ge­stimmt und da­für ins­ge­samt rund 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro För­der­geld be­wil­ligt. Sie­ben Pro­jek­te wur­den neu be­an­tragt, zwei be­reits lau­fen­de wer­den ver­län­gert.

Ne­ben der Fra­ge nach der Her­kunft von Ob­jek­ten und mensch­li­chen Über­res­ten rückt da­bei die Rol­le ko­lo­nia­ler In­sti­tu­tio­nen in den Fo­kus. Das Deut­sche In­sti­tut für tro­pi­sche und sub­tro­pi­sche Land­wirt­schaft (DITSL) zum Bei­spiel un­ter­sucht nicht nur sei­ne Samm­lung im Mu­se­um Wit­zen­hau­sen, son­dern auch die Ge­schich­te der eins­ti­gen Ko­lo­ni­al­schu­le Wit­zen­hau­sen als Aus­bil­dungs­stät­te für jun­ge Män­ner, die in den Ko­lo­ni­en zum Auf­bau ei­ner ko­lo­nia­len Wirt­schaft bei­tra­gen soll­ten. Ein an­de­res Pro­jekt be­leuch­tet ko­lo­nia­les Samm­lungs­gut in Kunst­mu­se­en und Künst­ler­nach­läs­sen: Die Uni­ver­si­tät zu Köln er­forscht die Pro­ve­ni­enz von Ar­te­fak­ten, die sich un­ter an­de­rem in den Samm­lun­gen der „Brücke“-Künst­ler Karl Schmidt-Rott­luff, Emil Nol­de, Erich He­ckel und Max Pech­stein fan­den. So soll ein Be­wusst­sein da­für ent­ste­hen, dass nicht nur in eth­no­lo­gi­schen Mu­se­en, son­dern auch in Kunst­samm­lun­gen tau­sen­de von Ob­jek­ten aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten la­gern, de­ren Her­kunft un­ge­klärt – und oft auch un­ter­hin­ter­fragt ist.

Das von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den zum 1.1.2015 ge­grün­de­te Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te in Mag­de­burg ist in Deutsch­land zen­tra­ler An­sprech­part­ner zu Fra­gen un­recht­mä­ßig ent­zo­ge­nen Kul­tur­guts. Das Zen­trum wird von der Be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Me­di­en in­sti­tu­tio­nell ge­för­dert und er­hält von dort auch die Mit­tel für sei­ne Pro­jekt­för­de­rung. Das Haupt­au­gen­merk des Zen­trums gilt dem im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nen Kul­tur­gut, ins­be­son­de­re aus jü­di­schem Be­sitz. Seit Ja­nu­ar 2019, als das Deut­sche Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te um ei­nen Fach­be­reich für ko­lo­nia­le Kon­tex­te er­wei­tert wur­de, ist es auch mög­lich, die För­de­rung von Pro­jek­ten zu be­an­tra­gen, die sich mit Kul­tur- und Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten be­fas­sen. Seit­dem wur­den ins­ge­samt rund sechs Mil­lio­nen Eu­ro für 50 Pro­jek­te in die­sem Be­reich be­wil­ligt.

An­trä­ge für län­ger­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­weils zum 1. Ja­nu­ar und 1. Ju­ni ei­nes Jah­res ein­ge­reicht wer­den, kurz­fris­ti­ge Pro­jek­te kön­nen je­der­zeit be­an­tragt wer­den. An­trags­be­rech­tigt sind al­le Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land in öf­fent­lich-recht­li­cher Trä­ger­schaft, die Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten sam­meln, be­wah­ren oder er­for­schen. Da­zu zäh­len Mu­se­en, Uni­ver­si­tä­ten und an­de­re For­schungs­ein­rich­tun­gen. Seit dem 1.1.2021 kön­nen An­trä­ge auch von Ein­rich­tun­gen ge­stellt wer­den, die als ge­mein­nüt­zig an­er­kannt sind und ih­ren Sitz in Deutsch­land ha­ben.

Pres­se­mit­tei­lung mit An­hang zu den ge­för­der­ten Pro­jek­ten (PDF, 128 KB)