Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum März 2018

Im Gespräch mit dem Zeppelin Museum Friedrichshafen

Neben der Sammlung zur Geschichte der Luftschifffahrt verfügt das Zeppelin Museum in Friedrichshafen als Zweispartenhaus für Technik und Kunst auch über die städtische Kunstsammlung. Die Sammlung umfasst Werke vom Mittelalter über den Barock bis zur Gegenwart, sowie hochkarätige Werke aus der Klassischen Moderne. Nach einem totalen Kriegsverlust der Sammlung des ehemaligen Städtischen Bodensee-Museums – der Vorgängerinstitution des heutigen Zeppelin Museums – erfolgte der Sammlungsaufbau innerhalb weniger Jahre überwiegend aus dem deutschen, schweizerischen und österreichischen Kunsthandel. Dies passierte in einer Zeit als zahlreiche Werke aus ehemaligem jüdischen Besitz durch Raub, Verschleppung oder als zurückgelassenes Fluchtgut auf dem Kunstmarkt zirkulierten. Mit der Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste unternahmen Provenienzforscherinnen am Zeppelin Museum die systematische Prüfung der Herkunft von ca. 350 Objekten. Das zweijährige Forschungsvorhaben mündet in einer Ausstellung mit dem Titel "Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand" (Ausstellungsinformationen unter www.zeppelin-museum.de), die Anfang Mai 2018 eröffnet wird.

1. Warum haben Sie sich bzw. hat sich ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

Zugegebenermaßen war die mediale Aufregung um den „Schwabinger Kunstfund“ 2013 in der Wohnung von Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, ein ausschlaggebender Grund dafür, die Sammlung des Hauses einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die erste Prüfung eines Werkes aus unserem Bestand, die wir aufgrund einer Leihanfrage durchführten, förderte eine Provenienz Wolfgang Gurlitts, des Cousins von Hildebrand Gurlitt, zu Tage. In Folge recherchierten wir in der Datenbank „Entartete Kunst“ der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin sowie in der Lost-Art Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Eine Sichtung der im Museum vorhandenen Quellen warf erste Verdachtsmomente und viele Fragezeichen auf. Diese führten dann 2015 zu einer Antragstellung beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Das ist eindeutig die Tafel "Anbetung". Bei der Untersuchung der Objekt-Rückseite fiel ein Etikett mit der Aufschrift "Collectie Goudstikker" auf. Damit waren wir alarmiert, denn Jacques Goudstikker war ein niederländischer Kunsthändler aus einer jüdischen Familie und seine Sammlungen wurden von Hermann Göring geplündert. Schnell zeigte sich aber, dass die Tafel nicht zum beschlagnahmten Geschäftsbestand Jacques Goudstikkers gehörte und die Recherchen nicht einfach werden würden. Schließlich konnten wir rekonstruieren, dass die Tafel 1939 von Hermann Göring gekauft wurde, im Rahmen eines Tauschs 1944 nach Amsterdam kam und seit 1945 als verschollen galt. Dennoch: bis heute wissen wir nicht, wer der Besitzer des Gemäldes vor 1939 war und schließen einen verfolgungsbedingten Entzug nicht aus.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Bedingt durch die Lage unseres Museums am Bodensee und unseren Fokus auf die Zeit nach 1945 haben wir viele Kunstwerke in der Sammlung, die unmittelbar zuvor in der Schweiz, Österreich und Liechtenstein waren oder aus anderen Verlagerungskontexten stammen. Ein sehr wahrscheinlich verfolgungsbedingt entzogenes Gemälde hatte etwa längere Zeit in einem Schweizer Zollfreilager "geruht". Das war anfangs genauso wenig absehbar wie die Tatsache, dass mehrere unserer Kunstwerke vor der Wende etwa über osteuropäische Städte wie Prag oder den Staatlichen Kunsthandel der DDR in den Westen kamen. Auch ein Werk aus der Sammlung des in den frühen 1970er Jahren enteigneten Dresdner Kunsthändlers Horst Kempe gelangte zu uns an den Bodensee.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Unser Eindruck ist, dass insbesondere kleinere Häuser immer noch die grundsätzliche Frage mit sich tragen, ob sie von dem Thema NS-Raubgut überhaupt betroffen sein könnten und sich Provenienzforschung bei ihnen lohnt. Wir meinen: unbedingt! Mit der Bestandsprüfung geht ja auch die Erforschung der Institutions- und Lokalgeschichte einher. Schnell fallen dabei zum Beispiel immer wiederkehrende Händler auf, die der Forschung vielleicht noch unbekannt sein mögen, aber wichtige Akteure bei der gigantischen Verlagerung von Kulturgütern im 20. Jahrhundert waren. Es lohnt sich daher, anzufangen – und sei es zunächst nur mit einem kleinen Bestand und einem ganz klaren Zeitfenster.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Wir haben es nach 1945 am Bodensee mit einem dichten und schweigsamen Netzwerk aus Händlern aber auch Museumsleuten zu tun, deren Geschäfte für uns noch zu selten zu durchdringen sind. Hier gibt es noch viel Forschungsbedarf, auf den wir gerne und oft hinweisen. Außerdem wurden uns Kunstwerke häufig als „aufgefrischt“ verkauft, waren also von Provenienzmerkmalen befreit. Damit diese Lücken überhaupt einmal geschlossen werden können, ist größtmögliche Transparenz für uns der einzig richtige Weg. Das schließt auch ein, Funde konsequent der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebenen Lost Art-Datenbank zu melden, auch wenn es keinen eindeutigen Raubkunst-Verdacht gibt. Zudem haben wir stets nach Austausch gesucht und informelle Arbeitstreffen der Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher in Baden-Württemberg angestoßen. Hier kommen versierte Kennerschaft mit neuen Blickwinkeln zusammen, was uns auch schon weitergeholfen hat.

6. Ab Mai zeigen Sie Ihre Projektergebnisse in einer Ausstellung. Welcher Ansatz hat Sie bei der Konzeption geleitet?

Wir erleben die Museumsbesucher nicht zuletzt wegen der Medienberichte als in höchstem Maße an der Provenienzforschung interessiert. Uns ist es deshalb ein ganz wichtiges Anliegen, Forschungsergebnisse so aufzubereiten und mit Kontext zu versehen, dass eine breite Öffentlichkeit daran teilhaben kann. Entlang der wichtigsten Akteure und ihrer Verbindungen untereinander werden wir die Kunstsammlung in einem völlig neuen Licht zeigen. Außerdem gilt es Antwort auf die immer wiederkehrende Frage zu geben, auf welchen Wegen NS-Raubgut nach 1945 weiter zirkulieren konnte und warum das Thema noch heute hochaktuell ist.

Das Gespräch führten wir mit

Sabine Mücke
Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zeppelin Museum Friedrichshafen
Fanny Stoye
Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt zur Provenienzforschung am Zeppelin Museum Friedrichshafen

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