Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum Januar 2018

Im Gespräch mit der Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt am Main

Die Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main untersucht die während der Zeit des Nationalsozialismus getätigten Erwerbungen mit der Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in einem dreijährigen Forschungsprojekt. Hervorzuheben ist insbesondere, dass das Haus die Ergebnisse der Forschung von Mai bis November 2017 in der Ausstellung „Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten (Erworben 1933-1945)“ präsentierte und dafür auch innovative Vermittlungsangebote nutzte (siehe Digitorial des Liebieghauses unter http://provenienz.liebieghaus.de/de). Damit werden multimediale Einblicke in die ausgestellten Werke, die Hintergrundgeschichte der Objekte und enteigneten Sammler gegeben. Das Engagement des Liebieghauses, die eigenen Bestände auf ihre Herkunft zu untersuchen und die Ergebnisse der Forschung auf so transparente und vorbildliche Weise darzustellen, hat das Zentrum zum Anlass genommen, das Haus in einem Gespräch genauer zu befragen.

1. Warum haben Sie sich bzw. hat sich Ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

Bereits im Jahr 2001 begann das Städel Museum mit der Aufarbeitung der Institutionsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus, indem das Museum zunächst die Archivbestände aus diesem Zeitraum erschloss. Diese Bestände – für die ein spezielles Findmittel erstellt wurde – sind seitdem für alle interessierten Forscher zugänglich. Aus diesem Erschließungsprojekt entstand eine historische Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit einem externen Expertenteam, deren Ergebnisse 2011 unter dem Titel Museum im Widerspruch: Das Städel und der Nationalsozialismus publiziert wurden. Diese Publikation war für das Projekt am Liebieghaus wegweisend. Zunächst lag der Fokus der Provenienzforschung jedoch primär auf den Gemäldebeständen des Städel Museums, da es dort den größten Handlungsbedarf gab. Drei Restitutionsfälle, die den Bestand des Liebieghauses betrafen, verdeutlichten dann auch den Bedarf, die seit 1933 erworbenen Skulpturen am Liebieghaus umfassend und systematisch aufzuarbeiten.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte von Objekten, deren Provenienz die historische Beziehung des Hauses zu seinen wichtigsten jüdischen Mäzenen und deren Familien widerspiegelt: Skulpturen, zu denen das Haus bereits in den frühen Jahren seiner Geschichte Verbindungen hatte, die beispielsweise als Leihgaben ausgestellt wurden und mit denen man sich kunsthistorisch intensiv auseinandersetzte. Manche dieser Objekte wurden dann während der NS-Zeit unter veränderten Vorzeichen erworben, sie wurden so zu „Raubkunst“. Dazu zählt zum Beispiel die Christus-Johannes-Gruppe aus der Sammlung des berühmten Frankfurter Industriellen Carl von Weinberg, die sich die Stadt Frankfurt im November 1938 aneignete. Nachdem sie unter alliierter Rückerstattungsgesetzgebung zurückgegeben wurde, kam diese Skulptur unter wiederum veränderten Bedingungen erneut in die Sammlung, nämlich als Schenkung seines Erben Richard von Szilvinyis. Er stiftete sie im Dezember 1950 „zum Andenken an Herrn Dr. Carl von Weinberg“ an das Liebieghaus. Faszinierend daran ist, dass diese Skulpturen eine von Brüchen durchzogene Geschichte in sich vereinen und so zu einem Ort der Erinnerung werden.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Anna Heckötter, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts, stieß bei ihren umfangreichen Recherchen wiederholt auf Überraschungsfunde – sowohl in unseren Skulpturen- als auch in unseren Archivbeständen. Eine der wichtigsten Herkunftsquellen zahlreicher Skulpturen war der Münchner Kunsthändler Julius Böhler. Hier ergab sich dank der sehr guten ergänzenden Überlieferungen im Bayerischen Wirtschaftsarchiv, im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und der Vernetzung mit den Experten dort eine sehr gute Quellendokumentation. Hochinteressant war sicher auch die Figur des Liebieghaus-Direktors Alfred Wolters und sein von Widersprüchen durchzogenes Handeln während der NS-Zeit, das sich anhand der unterschiedlichen Herkunftskontexte und Erwerbungsgeschichten der Skulpturen sehr gut aufzeigen ließ.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Wichtig ist es, zunächst einmal eine gut strukturierte und effiziente interne Objektdokumentation zu erstellen, die nachhaltig, d.h. auch nach Jahren noch eindeutig nachvollziehbar ist. Die möglichst optimale „Archivierung“ der Dokumentation, ob auf Papier oder digital (idealerweise beides), sollte von vornherein mitgedacht werden. Zudem sollte man - bezüglich Kunstmuseen - unbedingt zwischen kunsthistorisch wichtigen Werken mit im Regelfall dichter Quellenlage und weniger wichtigen Werken mit geringer Quellenlage unterscheiden, die sich daraus ergebenden Recherchemöglichkeiten und deren Grenzen ausloten und entsprechend priorisieren. Bei letzteren kommt man erwartungsgemäß sehr schnell zu dem Ergebnis, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Überlieferungslücken nicht schließbar sein werden. Manchmal kann hier also eine zielorientierte Art der Dokumentation wesentlich fruchtbarer sein als eine möglicherweise zeitaufwendige Recherche. Denn es gilt: ein transparenter Umgang mit Forschungslücken, indem man diese z.B. online dokumentiert digitalisiert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Objekte für die Forschung und auch für die Öffentlichkeit sichtbar und damit auch potenziell weiter bearbeitbar sind.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Es handelt sich bei unserem Projekt ja um ein Provenienzforschungsprojekt zu Skulpturen. Zum Zeitpunkt unseres Antrags gab es solche Projekte an anderen deutschen Museen kaum. Provenienzforschung zu Skulpturen bringt ganz besondere Herausforderungen mit sich: Bei Gemälden finden sich häufig Etiketten oder Sammlerstempel auf der Rückseite, bei Skulpturen gibt es nur selten Provenienzspuren am Objekt. Hinzukommt insbesondere bei antiker und mittelalterlicher Kunst die Frage der sich oftmals ändernden Zuschreibung, die sich natürlich auch in den Überlieferungen niederschlägt. Bei der Recherche in Auktionskatalogen oder auch in Datenbanken, die Vermögensverluste der Holocaust-Ära betreffen, stellt häufig das, was wir als „unspezifische Objektinformation“ bezeichnen, eine weitere Herausforderung dar. Generell ist bei Skulpturen die Quellenlage oftmals weniger ergiebig und die Recherche infolgedessen schwieriger als beispielsweise bei Gemälden.

6. Welche Erkenntnisse ergaben sich für Sie in Bezug auf die Frage der Vermittlung Ihrer Projektergebnisse?

Als wir den Antrag auf Förderung bei der damaligen Arbeitsstelle für Provenienzforschung (jetzt: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste) stellten, entwickelte das Städel Museum gerade eine Reihe digitaler Bildungs- und Vermittlungsinitiativen, die unser Projekt am Liebieghaus maßgeblich inspirierten. Beabsichtigtes Ziel unseres Projekts war von Anfang an die Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse auf der Homepage des Liebieghauses. In diesem Zusammenhang interessierten uns insbesondere auch die verschiedenen Möglichkeiten der Aufbereitung unserer Inhalte für die sozialen Medien. Da aus dem Projekt auch die Idee zu einer Ausstellung entstand, konzipierten wir mit der Abteilung Bildungs- und Vermittlung unter der Leitung von Dr. Chantal Eschenfelder einen einführenden und die Inhalte der Ausstellung vertiefenden Onepager, ein sogenanntes Digitorial, das in deutscher und englischer Sprache verfügbar ist und so auch der breiten Öffentlichkeit wertvolle Einblicke in unser Projekt sowie in unsere Arbeit gibt (http://provenienz.liebieghaus.de/de).

Das Gespräch führten wir mit

Dr. Iris Schmeisser
seit 2014 Leiterin der Provenienzforschung am Städel Museum und Liebieghaus

Weitere Informationen zum Projekt

Christus und Johannes, aus dem Adelhausen-Konvent in Freiburg im Breisgau, Oberrhein oder Bodensee, um 1350 Christus und Johannes, aus dem Adelhausen-Konvent in Freiburg im Breisgau, Oberrhein oder Bodensee, um 1350 Christus und Johannes, aus dem Adelhausen-Konvent in Freiburg im Breisgau, Oberrhein oder Bodensee, um 1350 Erworben 1938, 1949 restituiert, 1950 geschenkt „zur Erinnerung an Herrn Dr. Carl von Weinberg“ Ausstellungsansicht „Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten,“ Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, 4. Mai bis 5. November 2017 Quelle:  Liebieghaus Skulpturensammlung