Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum September 2018

Im Gespräch mit dem Schlossmuseum Jever

Seit 2015 untersucht das Schlossmuseum Jever seine kulturhistorische Sammlung systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Objekte. Im Zuge der Heimatbewegung der 1920er Jahre wurde die Sammlung mit einem regionalen Schwerpunkt aufgebaut. Dieser Umstand sowie das als „Judenakten“ bezeichnete, aufgefundene Archivgut und die mutmaßlich nach den Novemberpogromen 1938 ins Haus gelangten Judaica ließen eine Untersuchung der Institutions- und Regionalgeschichte notwendig erscheinen. Ergänzt werden die Recherchen um Zeitzeugenbefragungen in Jever. Das Schlossmuseum Jever beteiligt sich neben weiteren Museen im Nordwesten auch an der Initiative Sondersammlung für belastetes Kunst- und Kulturgut in Privatbesitz: Privatpersonen in der Region können verdächtige Objekte aus ihrem Besitz freiwillig und bei Bedarf auch anonym als Leihgabe an die kooperierenden Museen abgeben, die sie treuhänderisch verwahren und als Fundmeldung an die Lost Art Datenbank melden.

1. Warum haben Sie sich bzw. sich ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

Provenienzforschung stand schon länger auf der Agenda des Schlossmuseums. Sowohl in Jever wie auch in anderen Orten des Landkreises Friesland gab es jüdische Gemeinden. Demnach vollzogen sich auch in Zwangssituationen getätigte Verkäufe oder „Arisierungen“ vor der Emigration, Vertreibung bzw. Deportation der jüdischen Bürger. Besonders verdächtig im Hinblick auf potentielles „Raubgut“ erschien, dass Martin Folkerts, von 1935 bis 1945 amtierender Vorsitzender des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins (Träger des Heimatmuseums, des Vorläufers des Schlossmuseums), gleichzeitig der NSDAP-Bürgermeister der Stadt Jever war. Auslöser der vertieften dreijährigen Provenienzforschung waren schließlich neuere Aktenfunde über die besondere Rolle von Folkerts bei der Vertreibung der jeverschen Juden im Jahr 1940.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

In erster Linie ist der Schlüssel der im November 1938 zerstörten jeverschen Synagoge zu nennen. Er wurde dem Heimatmuseum im Februar 1941 von einer der am Novemberpogrom beteiligten Personen übergeben und in Folge inventarisiert. Das Objekt ist jedoch heute nicht mehr im Bestand aufzufinden und trotz intensiver Suche ist sein Verbleib bisher ungeklärt. Forschungen im Hinblick auf eine mögliche Rückgabe anderer Synagogenobjekte an einen nach 1945 nach Jever zurückgekehrten Shoah-Überlebenden führten zu Recherchen bis nach Israel, Argentinien und in die USA.

3. Gab es im Verlauf des Projektes Überraschungen oder ist ihnen etwas besonders aufgefallen?

Überraschend war das Ausmaß der Lücken in den überlieferten Quellen, z.B. in der internen Dokumentation der Zugänge zwischen 1933 und 1945 (und teils bis in die 1980er Jahre). Die Eintragungen in Zugangs- und Kassenbüchern erwiesen sich beispielsweise als unsystematisch und unvollständig und mussten durch Hinweise in Zeitungsberichten, überliefertem Schriftgut und anderen Quellen zeitaufwendig ergänzt und abgeglichen werden. Verdächtige Objekte wie z.B. aus „Hollandgut“-Verkäufen* 1943/44 gelangten erst vor wenigen Jahren ins Haus.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Es geht nicht nur um die systematische Recherche in Beständen bzw. am Objekt selbst. Zwingend bedarf es weiterer Forschungsarbeit zum zeitgenössischen historischen Umfeld. Trotz bereits vorliegender Dokumentationen zur lokalen NS-Geschichte und zum Schicksal jüdischer Familien: Eine sachgerechte Bewertung „verdächtiger Zugänge“ fordert eine genauere Rekonstruktion der Abläufe im örtlichen Umfeld (in Friesland z.B. Verkäufe/ Auktionen vor und nach der Zwangsvertreibung im März 1940, den Deportationen 1941/42, Abgabe von „Hollandgut“ 1943/44). Auch zu involvierten Personenkreisen (Auktionatoren, Kunsthändler, Museumsmitarbeiter, Opfer usw.) besteht Forschungsbedarf. Es sollte frühzeitig die Einbeziehung örtlicher Geschichtswerkstätten und Heimatforscher gesucht und gepflegt werden. Auch die Beteiligung an regionalen Forschungsnetzwerken ist wichtig (hier Netzwerk Niedersachsen).

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Trotz der teils sehr schwierigen Überlieferungslage gelang hausintern eine nahezu vollständige Rekonstruktion der Zugänge 1933 bis 1945 mit entsprechender Zusammenfassung in einer Datenbank. In diesem Zusammenhang ließen sich auch einige bisher nicht in allen Details aufgeklärte Inventarisierungsstrategien und Zugangsdokumentationen (Altsignaturen etc.) näher beleuchten und dokumentieren.

6. Gibt es eine Frage, die wir Ihnen aus Ihrer Sicht hätten stellen sollen? Bitte stellen Sie diese gerne hier und beantworten Sie diese auch direkt.

Unsere Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Unsere Antwort: Auch nach Abschluss eines über mehrere Jahre geförderten Projektes zur Provenienzforschung bleiben viele Fragen offen, die sich bei der Recherche ergeben haben. Einzig die Einrichtung von unbefristeten Stellen für Provenienzforscher an jedem mittleren und größerem Museum scheint eine nachhaltige Forschung zu ermöglichen. Nur ein Provenienzforscher kann sicherstellen, ob sich unter Neuzugängen auch belastete Objekte befinden.

*Für beschlagnahmtes jüdisches Eigentum aus den besetzten Benelux-Ländern und Frankreich bürgerte sich der Begriff „Hollandmöbel“ oder „Hollandgut“ ein.

Das Gespräch führten wir mit

Christiane Baier
Co-Leiterin des Projektes am Schlossmuseum Jever
Holger Frerichs
Projektmitarbeiter am Schlossmuseum Jever

Milchkännchen und Tasse, Zinn, versilbert, ca. 1920. Milchkännchen und Tasse, Zinn, versilbert, ca. 1920. Beide Objekte erhielt das Schlossmuseum vor wenigen Jahren als Schenkung einer Jeveranerin. Ihr war in Erinnerung geblieben, dass ihre Mutter die Objekte in den 1940er Jahren in Jever bei einer Versteigerung von Hab und Gut aus jüdischem Besitz – sehr wahrscheinlich von sogenanntem „Hollandgut“ – käuflich erworben hatte. Quelle:  Schlossmuseum Jever