Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum Dezember 2017

Im Gespräch mit dem Stadtmuseum Tübingen

Seit April 2015 unterstützt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste ein Projekt des Stadtmuseums Tübingen, mit dem die frühen Sammlungsankäufe und Schenkungen der 1940er und 1950er Jahre aufgearbeitet werden sollen. Noch im Frühjahr 2018 beginnt das Museum mit einem Projekt, mit dem die Ankäufe beim Kunst- und Buchhandel, auf Flohmärkten sowie von Tübinger Privatpersonen der 1960er bis zu den 1990er Jahre untersucht werden sollen. Erst im November 2017 hatte das Stadtmuseum Tübingen eine Goldwaage restituiert.

1. Warum haben Sie sich bzw. hat sich Ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

In Tübingen begann die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus erst in den 1970er Jahren. Bis heute ist sie noch nicht abgeschlossen. Als das Stadtmuseum dann weit nach der Jahrtausendwende auf Judaica in der eigenen Sammlung aufmerksam (gemacht) wurde, die im Zusammenhang mit Synagogenplünderungen und Raub stehen, war die öffentliche Aufmerksamkeit sehr groß. Eines der Judaica, eine Thora-Scheibe, konnte 2011 an die Nachfahren zurückgegeben werden. Angesichts dieses Fundes trat aber die Frage auf, ob es noch mehr Gegenstände aus jüdischem Besitz im Bestand des Stadtmuseums gibt, bei denen es sich um NS-Raubgut handelt.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Hier ist sicherlich die „Kleine Kölner Goldwaage“ zu nennen, welche die Stadt Tübingen am 7. November 2017 an die Nachfahren des Vorbesitzers restituiert hat. Das Objekt aus dem 18. Jahrhundert wurde 1939 vom jüdischen Optiker Adolf Dessauer für nur 10 Reichsmark erworben. Die Umstände des Verkaufs konnten zwar nicht in Gänze rekonstruiert werden. Doch die Waage hätte um 1939 als Familienerbstück auch noch an Familienmitglieder, die in Tübingen und Stuttgart lebten, übertragen werden können. Eine Entäußerung unter Druck lag nahe, zudem erschien der Kaufbetrag als zu niedrig. Deshalb entschloss sich die Stadt Tübingen, die Waage an die Nachfahren Dessauers zurückzugeben.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Überraschungen gab es immer wieder. So fanden sich zum Beispiel unter nicht inventarisiertem Altbestand auf dem Dachboden des Depots viele Objekte, die zwischen 1933 und 1950 in die Sammlung gekommen waren. Meine größte Überraschung aber war, dass uns das Kunstkabinett Ketterer in Stuttgart die Namen der Einlieferer bereitgestellt hat. Das ist für den Kunsthandel doch unüblich. In den 1950er Jahren hat die Stadt Tübingen hier hunderte Grafiken der Moderne angekauft und bis auf wenige war die Provenienz der meisten Werke vollkommen unklar.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Provenienzforschung ist eine teilweise durchaus zermürbende Arbeit, aber sie ist eine große Bereicherung! Das Stadtmuseum Tübingen hat sich deshalb im Laufe der Recherchen dazu entschieden, eine eigene Ausstellung zur Sammlungsgeschichte und zu den Ergebnissen der Provenienzforschung durchzuführen.Die Konzept- und Vorbereitungsarbeit ergibt sich aus den „normalen“ Recherchen und Forschungsberichten heraus. Die Arbeit lohnt sich also in mehrfacher Hinsicht und generiert viele faszinierende (Objekt-)Geschichten, die natürlich nicht alle von Raub und Entzug erzählen.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Gemeinsam konnte viel geleistet werden: Wir haben alle Informationen zur Sammlung aus dem Stadtarchiv digitalisiert und den Objekten zugeordnet; diverse alte Inventare transkribiert und ausgewertet; den Altbestand nachinventarisiert; die Geschichte der Sammlung aufgearbeitet und bis ins kleinste Detail festgehalten; und zuletzt hoffen wir, dass all unsere Bemühungen dazu führen, dass unsere Arbeit in der Sammlungspflege als kontinuierlicher Vorgang verstanden und die Stelle der Registrarin entfristet wird.

Das Gespräch führten wir mit

Dr. Andrea Richter
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Provenienzforschungsprojekt am Stadtmuseum Tübingen

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