Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum November 2017

Im Gespräch mit dem Landesmuseum Mainz

Seit April 2016 unterstützt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste ein Projekt des Landesmuseums Mainz, mit dem die Herkunft und die vorherigen Besitzverhältnisse von zunächst 61 Gemälden und später auch die Provenienzen der Grafiken, Möbelstücke und des Kunsthandwerks aus jüdischem Besitz geklärt werden sollen. Das Landesmuseum hat seine Rechercheergebnisse bereits mehrfach in Vorträgen auch auf internationalen Tagungen vorgestellt. Die Projektergebnisse werden außerdem regelmäßig in Kurzführungen thematisiert und auch bei Führungen anlässlich des Internationalen Museumstags und bei der Mainzer Museumsnacht dem Publikum vermittelt.

1. Warum haben Sie sich bzw. hat sich Ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

Das Landesmuseum Mainz verwahrt einen Bestand von Gemälden und Grafiken, aber auch einige Möbelstücke und Porzellane, von denen schon seit längerem bekannt ist, dass sie durch Finanzamtsüberweisungen ins Haus gelangt sind und aus jüdischem Besitz stammen. Um Transparenz zu schaffen, hat das Museum die Objektlisten bereits seit den 1990er Jahren bei Organisationen wie dem Holocaust Art Restitution Project gemeldet und die Objekte bei der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebenen Datenbank Lost Art eingestellt. Da diese Maßnahmen allerdings kaum zur Klärung der Eigentumsverhältnisse beitragen konnten, beschloss das Museum, nun selbst eine systematische Recherche durchzuführen.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Ein großes Objektkonvolut ist 1943 über das Finanzamt ins Haus gekommen und stammt größtenteils aus den Wohnungen deportierter Juden. Diese Eigentümer gehörten überwiegend zum lokalen Wirtschaftsbürgertum und waren keine Kunstsammler im eigentlichen Sinne. Was sie besaßen, könnte man als „Wohnzimmerkunst“ bezeichnen – eher konventionelle Werke, die dazu dienten, bürgerliche Wohnungen auszuschmücken. Diese Objekte haben zwar keinen hohen materiellen Wert. Dafür vermitteln sie uns jedoch Einblicke in die Lebenswelt des assimilierten jüdischen Bürgertums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig bezeugt ihr Weg ins Museum aber auch eindrücklich, wie dieses Milieu durch die NS-Verfolgung systematisch ausgelöscht wurde.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Bei der Erforschung dieses Bestands halfen klassische Rechercheinstrumente, wie Datenbanken zu Auktionshäusern, kaum weiter. Aussichtsreicher war es daher, bei den Mechanismen des Entzugs anzusetzen, also nachzuvollziehen, wie das Finanzamt mit Kunstgegenständen umgegangen ist. Diese Vorgehensweise macht zugleich sichtbar, wie systematisch und umfassend auch alltägliche Dinge wie Tafelsilber oder Mobiliar „verwertet“ worden sind – und dass neben den Kunstgegenständen noch eine hohe Dunkelziffer an Alltagsgegenständen existiert, deren Wege man nicht mehr rekonstruieren kann, weil sie gar nicht erst in Museen gelangt sind, sondern direkt an Privatpersonen weitervermittelt wurden.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Zu Beginn empfiehlt es sich, mit der hauseigenen Dokumentation anzufangen, um nach Verdachtsfällen zu suchen – gibt es in den Inventar- und Zugangsbüchern Vermerke zu bestimmten Kunsthändlern oder Auktionshäusern? Oder existiert, wie im Mainzer Fall, Schriftverkehr zu bestimmten Erwerbungskontexten, die auf einen verfolgungsbedingten Entzug hindeuten? Dabei kann es von Vorteil sein, mit vergleichsweise einfach zu erforschenden Objektgattungen wie Gemälden anzufangen; allerdings sollte man im Blick behalten, dass ein bestimmter Erwerbungszusammenhang auch verschiedene Objektarten gleichzeitig betreffen kann.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Die Schwierigkeit bei der Forschung zu Kunstgegenständen, die über Finanzämter „verwertet“ wurden, besteht darin, dass in den Finanzamtsakten eher selten Aufzeichnungen über bewegliches Eigentum wie Mobiliar oder Kunstgegenstände erhalten sind. Für das Finanzamt Mainz zum Beispiel existieren diese Art von Unterlagen gar nicht mehr. Die einzige Spur für eine Ermittlung der Eigentümer sind daher die Kenn-Nummern, mit denen das Finanzamt die Objekte bei der „Verwertung“ erfasst hat und die auch auf den Objektlisten im Hausarchiv und einigen Gemälderückseiten verzeichnet sind. Jede Nummer des Finanzamts steht für einen Verwertungsvorgang, also auch für einen Eigentümer. Nach welchem System die Nummern vergeben wurden, konnte jedoch erst nach zeitaufwändigen Recherchen geklärt werden – sie stammen aus einer Kartei, mit der die Finanzkasse den Zahlungsverkehr mit den steuerpflichtigen Mainzer Juden verwaltete. Leider ist diese Kartei im Original nicht mehr erhalten. Die Zuordnung von Nummern und Namen kann daher nur noch anhand von Querverweisen in alten Kassenbelegen des Finanzamts oder Wiedergutmachungsakten rekonstruiert werden. Einige Eigentümer konnten wir so identifizieren – bei anderen Nummern wird die Identifizierung jedoch offen bleiben.

6. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die Ergebnisse Ihrer Recherchen transparent zu machen?

Die Frage nach dem Umgang mit Rechercheergebnissen ist wichtig und spannend, da sie nicht nur die interne Dokumentation der Forschungen betrifft, sondern auch deren Vermittlung – wie lassen sich oft komplexe Herkunftsgeschichten am besten im Museum darstellen? Wie geht man dabei mit personenbezogenen Daten um? Wie kann man die methodischen Herausforderungen der Provenienzforschung sichtbar machen? In Mainz wird im Rahmen eines festen Führungsformats – der halbstündigen „Kunst in der Mittagspause“ – regelmäßig ein Einblick in die Provenienzrecherchen gegeben, indem jeweils ein Objekt und seine Herkunftsgeschichte näher vorgestellt werden. Da viele der Stücke, die bearbeitet werden, im Depot lagern und kaum öffentlich zugänglich sind, denken wir außerdem darüber nach, mit einigen davon eine kleine Kabinettausstellung zu veranstalten.

Das Gespräch führten wir mit

Emily Löffler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Provenienzforschungsprojekt am Landesmuseum Mainz

Weitere Informationen zum Projekt

Blick ins Gemälde-Depot des Landesmuseums Blick ins Gemälde-Depot des Landesmuseums Blick ins Gemälde-Depot des Landesmuseums Quelle:  GDKE, Ursula Rudischer (Landesmuseum Mainz)