Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum Oktober 2017

Im Gespräch mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin

Am Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin wurde von 2013 bis 2016 mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste der Bestand der „Sammlung der Zeichnungen“ systematisch auf seine Provenienzen hin erforscht. Ziel war es, NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, aufzufinden. Diese Sammlung von Zeichnungen, Aquarellen und Ölskizzen des überwiegend 19. sowie frühen 20. Jahrhunderts wurde 1878 mit einer Überweisung aus dem ehemaligen Königlichen Kupferstichkabinett als Abteilung der Nationalgalerie begründet. Sie befindet sich seit 1992 wieder am Kupferstichkabinett. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden für diese Sammlung rund 1.200 Werke erworben, die direkt aus Künstlerateliers, aus privatem Vorbesitz oder aus Kunsthandlungen sowie ab 1938 verstärkt aus Auktionen stammten.

1. Warum haben Sie sich bzw. hat sich Ihre Einrichtung dazu entschlossen, Provenienzforschung zu betreiben?

Das Kupferstichkabinett betreibt schon seit vielen Jahren äußerst erfolgreich Provenienzforschung. Seit 1999 wurden gut 200 Werke restituiert. Da diese zumeist die „Sammlung der Zeichnungen“ betrafen, lag es nahe, mit der systematischen und proaktiven Suche nach NS-Raubgut genau hier einzusteigen. Außerdem ist dieser Bestand ausgezeichnet dokumentiert – neben dem akribisch geführten Inventarbuch sind auch die Erwerbungsakten im Zentralarchiv fast lückenlos erhalten.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Jede einzelne Zeichnung hat eine ganz eigene, unverwechselbare Geschichte. Diese Objektbiographien zu erzählen, würde Bücher füllen. Es sind faszinierende, skurrile oder manchmal auch ergreifende und traurige Geschichten. Jede einzelne liefert einen kleinen Beitrag, die Mechanismen der Kunstpolitik der NS-Zeit besser zu verstehen und ihre Akteure kennenzulernen, gerade auch bei Werken, bei denen kein NS-verfolgungsbedingter Entzug festzustellen ist – sie bilden übrigens die Mehrheit und liefern nebenbei auch noch Erkenntnisse zur Geschichte des eigenen Museums.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Mit der systematischen Erforschung einer graphischen Sammlung betrat das Projekt generell relatives Neuland, so dass quasi jede Erkenntnis eine Überraschung war. Erstaunt war ich, festzustellen, dass es sich bei den Vorbesitzern selten um die großen, einschlägig bekannten Sammler handelt, deren Biographien bereits aufgearbeitet sind. Eine Zeichnung oder Graphik war für einen „Kleinbesitzer“ eben eher erschwinglich als ein repräsentatives Gemälde oder eine Skulptur und wurde unter Umständen auch einmal in einem Trödelladen erworben. Hier war also wieder absolute Grundlagenforschung zu leisten.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Beginnen Sie die Provenienzforschung in Ihrem Haus mit einem Teilbestand, der möglichst gut dokumentiert ist und bilden Sie zum Einstieg keine zu großen Forschungskonvolute. Der Zeitaufwand für Provenienzrecherchen ist enorm und im Vorfeld schwer zu kalkulieren. Meiner Erfahrung nach ist es besser, zahlenmäßig kleinere und eher inhaltlich orientierte Recherchebündel zu schnüren, beispielsweise sortiert nach Erwerbungsquellen. Daraus ergeben sich für die restlichen Bestände oft erstaunliche Synergien, die im Vorfeld nicht zu erahnen waren.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Für Provenienzforscher in graphischen Sammlungen sind vor allem die Erwerbungen aus Auktionshäusern eine riesige Herausforderung. Für die „Sammlung der Zeichnungen“ wurden rund 250 Werke ersteigert. Da gilt es, herauszufinden, wer die Einlieferer waren. Archive haben die Auktionshäuser nur selten, also sind der einzige Anhaltspunkt meist die Losnummern und die zugeordneten Besitzkürzel in den Auktionskatalogen – Initialen mit oder ohne Ortsangabe, römische Zahlen, Decknamen oder sonstige abstrakte Codierungen. Auch nur ein einziges Kürzel zu entschlüsseln, kann wochenlange Arbeit bedeuten. Eine der größten Aufgaben speziell in „large scale collections“ wird daher die Entschlüsselung dieser Kürzel in Auktionskatalogen sein müssen. Objektbezogen wird man nicht weiterkommen, denn durch die Auktion wurde ein Privatbesitz auf verschiedene Museen verteilt. So beschäftigen sich schlimmstenfalls zehn Forscher an zehn Museen mit demselben Kürzel, ohne voneinander zu wissen. Dieses Problem wird man nur lösen, indem man unabhängige Forscherteams bildet, die die einschlägigen Auktionen systematisch erarbeiten. Hierfür ist es wichtig, die Forschungen im Bereich des Kunsthandels und auch Datenbankstrukturen zu verstärken.

Das Gespräch führten wir mit

Dr. Hanna Strzoda
Forscherin im Provenienzforschungsprojekt des Kupferstichkabinetts der Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

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