Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Datum September 2017

Im Gespräch mit der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern ist der erste Ansprechpartner für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, auch beim Thema Provenienzforschung. Die Landesstelle berät zum einen diejenigen Häuser, die personell und finanziell bereits in der Lage sind, Provenienzforschung alleine zu betreiben. Zum anderen sind die Projektmitarbeiterinnen vor Ort für die Museen zuständig und unterstützen sie bei der Erschließung der eigenen Geschäftsunterlagen und bei Archivrecherchen. Es geht vor allem darum, die Erwerbsumstände der spezifischen Sammlungsbestände zwischen 1933 und 1945 dokumentieren zu können. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert die Landesstelle mit bislang zwei Projekten. Ziel ist es, den Bedarf an weiterführender Provenienzforschung in den Einrichtungen zu klären und die Häuser in die Lage zu versetzen, eigenständig tätig zu werden. Sie können dann einen Antrag auf finanzielle Unterstützung beim Zentrum stellen, falls sich ein Anfangsverdacht bestätigt.

1. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, Provenienzforschung in Ihrem Themenportfolio zu behandeln?

Die Landesstelle möchte vor allem kleineren Häusern die Chance bieten, sich mit Provenienzforschung zu beschäftigen. Die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und Verantwortung für die eigene Sammlung zu übernehmen, ist da. Allerdings verfügen viele Häuser nicht über die notwendigen personellen – viele haben hauptsächlich ehrenamtliche Mitarbeiter – und finanziellen Voraussetzungen, um das Thema selbständig anzugehen. Hier sind wir die erste Anlaufstelle.

2. Welches der untersuchten Objekte hat eine besonders erwähnenswerte Geschichte?

Im Historischen Museum Regensburg haben wir im Inventarbuch die Zugangsnotiz über acht seidene Damenschirme gefunden, die im Frühjahr 1942 vom Regensburger Finanzamt im Zuge der sogenannten „Aktion 3“ angekauft worden waren. „Aktion 3“ war der Codename für den zurückgebliebenen Besitz der deportierten Juden. Wir wissen noch nicht, ob die Schirme aus einem Privathaushalt oder einem aufgelösten Geschäft kamen, aber wir waren überrascht, so einen detaillierten und prägnanten Eintrag in einem Inventarbuch zu sehen, das ist eigentlich eher ungewöhnlich.

3. Gab es im Verlauf des Projekts Überraschungen oder ist Ihnen etwas besonders aufgefallen?

Wir hätten nicht damit gerechnet, auf so viele Judaica zu stoßen, besonders in regionalen Häusern oder Heimatmuseen, bei denen wir nicht geahnt hätten, NS-Raubgut in diesem Ausmaß zu finden. Erstaunlicherweise kann man sagen, dass nach der Pogromnacht 1938 besonders die Heimatmuseen jüdische Kultgegenstände in ihre Sammlungen aufgenommen haben. Das finde ich forschungstechnisch sehr interessant, weil den Objekten damit eine Art Heimatverbundenheit zugestanden wurde, während dies für ihre rechtmäßigen Besitzer nicht galt.

4. Welche Ratschläge oder Hinweise können Sie Einrichtungen geben, die bisher wenig Erfahrung mit Provenienzforschung haben?

Falls die Institutionen in Bayern sind, sollten sie sich bei Fragen auf jeden Fall an uns wenden. Auch in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen gibt es zentrale Ansprechpartner und Netzwerke. Wenn ein Haus die Möglichkeit hat, dieses Angebot zu nutzen, würde ich sehr dazu raten.
Falls ein Haus selbständig Provenienzforschung betreiben möchte, können wir folgendes Vorgehen empfehlen: Inventar- und Eingangsbücher sowie alte Korrespondenzen, Rechnungen oder Lieferscheine überprüfen und die Arbeit in Stadt- oder Staatsarchiven forcieren. Die gängigen Datenbanken wie zum Beispiel Lost Art und der Getty Provenance Index für Informationen über den Kunsthandel helfen ebenfalls weiter.

5. Welche besonderen Herausforderungen haben Sie im Laufe des Projekts und bei der Provenienzforschung gemeistert?

Wir haben beispielsweise gelernt, dass diejenigen Objekte, deren Entzug – und dann auch Restitution – in der Presse breit dokumentiert werden, zahlentechnisch nur die Spitze des Eisbergs ausmachen. Meisterwerke bekommen die meiste Aufmerksamkeit. Doch sicherlich war der Verlust von geliebten Alltags- und Gebrauchsgegenständen, die auf Auktionen versteigert wurden, ebenfalls schmerzhaft für die Opfer des Entzugs. Für die Provenienzforschung ist die Recherche von derlei Objekten jedoch oft wegen fehlender Quellen sehr schwierig. Ein Finanzamt hat bei solchen Versteigerungen nun mal keine Kataloge herausgegeben, die sich hätten erhalten können. Und auch konventionelle Rechercheschritte oder -datenbanken greifen hier in der Regel nicht. Das heißt, insbesondere die Provenienz von Gegenständen mit eher geringem materiellen Wert zu erforschen, ist oft sehr aufwändig. Gerade um hier weiterzukommen, führen wir derzeit ein zweites Projekt durch. Wir untersuchen die Gestapo-Personenakten des Würzburger Staatsarchivs und werten die darin enthaltenen Versteigerungsprotokolle aus. So können wir die besonderen Mechanismen, die hinter dem Entzug von Alltagsgegenständen standen, besser verstehen.

Das Gespräch führten wir mit

Dr. Carolin Lange
verantwortlich für das Thema Provenienzforschung an der Landesstelle für die nichtstaalichen Museen in Bayern

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