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Bayerische Staatsbibliothek: Systematische Sichtung NS-Raubgutverdächtiger Zugänge nach 1945

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Bayerische Staatsbibliothek (München) Bundesland Bayern Website NS-Raubgut an der Bayerischen Staatsbibliothek BSB-Katalog Ansprechpartner
  • Dr. Stephan Kellner
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionProjektleiter
    Telefon: +49 (0) 89 28 63 82 278
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilns-raubgut@bsb-muenchen.de
Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Prüfung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. August 2016 bis Juli 2018
  2. August 2018 bis Juli 2019

Beschreibung

Das Projekt ermöglichte es der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB), ihre raubgutverdächtigen Zugänge nach 1945 zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem sogenannten Bestand „Sonthofen“. Es handelt sich um ca. 40.000 Titel aus der Bibliothek der ehemaligen NS-Ordensburg Sonthofen sowie um weitere Bestände anderer NS-Institutionen. Nach 1945 wurde diese Sammlung von den US-Behörden übernommen, 1948 dann in Teilen an die Bayerische Staatsbibliothek übergeben. Weitere Bücher aus ehemaligen NS-Bibliotheken folgten 1963; damals kehrten umfangreiche Buchbestände aus der Library of Congress wieder nach Deutschland zurück, die 1947/48 dorthin verbracht worden waren. Die Titel werden im Projekt mittels handschriftlicher Listen recherchiert und, soweit vorhanden, einer Autopsie unterzogen.
Die Sammlung „Sonthofen“ umfasst hauptsächlich zeitgenössische Lehr- und Sachbücher aber auch ausländische Literatur, politische und religiöse Schriften sowie einige seltene kunsthistorische Werke.

Projekt in Zahlen

Anzahl der gesichteten Objekte: 22.17 Titel gesamt (100%)
• NS-Ordensburg Sonthofen: 20.099 Titel (91,3 %), davon 10.376 nicht mehr vorhanden (als Dubletten abgegeben); 2262 ohne Hinweise auf Provenienz Sonthofen; 7461 mit Provenienz Sonthofen, davon 359 Titel belastet, Überprüfung läuft.
• Freimaurerliteratur aus Tausch mit SS-Schule Wewelsburg: 451 Titel (2 %). Alle 451 Titel aus deutschen Freimaurerlogen entzogen. Restitutionen laufen.
• Reichsinstitut/Radio München: 387 Titel (1,7 %)
o Radio München: 335 Titel, davon 2 Titel NS-Raubgut, 333 Titel unverdächtig.
o Reichsinstitut: 52 Titel, davon 51 Titel unverdächtig, 1 Titel wird überprüft.
• weiterführende Recherchen: 564 Titel (2,5 %), davon 563 Titel unverdächtig, 1 Titel NS-Raubgut
• Zugänge 1960er: 318 Titel (1,4 %) Müssen alle auf NS-Raubgut überprüft werden.
• NSDAP-Hauptarchiv/Sammlung Rehse: 198 Titel (0,8 %), davon 191 Titel unverdächtig, 7 Titel NS-Raubgut

Auflistung der für das Projekt relevanten handelnden historischen Personen und Institutionen

•NS-Ordensburg Sonthofen sowie mehrere nach Sonthofen ausgelagerte Adolf-Hitler-Schulen, außerdem die Erzieherakademie der Adolf-Hitler Schulen, die sich ebenfalls in der NS-Ordensburg Sonthofen befand
•Die Bibliothek des Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschlands
•Das Hauptarchiv der NSDAP / Sammlung Rehse
•Die SS-Schule Haus Wewelsburg
•Radio München (Vorläufer des Bayerischen Rundfunks nach 1945)

Transparente Dokumentation

Die Transparenz der Raubgutforschung an der BSB wird auf verschiedenen Ebenen gewährleistet, die Mikroebene bilden die Provenienzeinträge im Onlinekatalog (OPAC) der BSB. Auf der Homepage der Bayerischen Staatsbibliothek werden die Geschichte der BSB in der NS-Zeit, die NS-Raubgutforschung sowie die durchgeführten Restitutionen ausführlich dokumentiert, ebenso erfahren dort die Biographien und die jeweiligen Verfolgungsgeschichten der Beraubten ihre Würdigung (https://www.bsb-muenchen.de/ns-raubgutforschung/). Die Homepage enthält zudem eine vollständige Auflistung aller restituierten Werke, sie wird fortlaufend aktualisiert. Sämtliche dieser Seiten werden inhaltsgleich auch in englischer Sprache angeboten (https://www.bsb-muenchen.de/en/research-of-nazi-loot/). Zudem sind restituierte Bände in der Regel online verfügbar: In Rücksprache mit den Eigentümern und abhängig von den Urheberrechten wurde NS-Raubgut digitalisiert; zum einen, damit sein Inhalt auch weiterhin zugänglich bleibt, zum anderen aber auch, weil der Band und seine Provenienz einen Teil der Geschichte des Hauses bildet.
2018/19 wurde eine virtuelle Ausstellung konzipiert, die die Provenienzforschung an der BSB darstellt. Sie wird seit April 2019 auf der Plattform „Google Arts and Culture“ präsentiert.
Ergänzend wird ein für das Videoportal Youtube produzierter Kurzfilm anhand einer Rückgabe die einzelnen Etappen einer Restitution erklären – vom Fund des Buches über die Erbensuche bis hin zur Restitution. Diese Beiträge bilden auch eine Möglichkeit, Provenienzforschung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie sind jeweils auch mit englischen Untertiteln versehen.
https://www.bsb-muenchen.de/veranstaltungen-und-ausstellungen/ausstellungen/virtuelleausstellungen/ausstellungen/ns-raubgutforschung/https://www.youtube.com/watch?v=Qurb1c6VBnc
Das Projektteam der BSB berichtete regelmäßig auf den halbjährlichen Treffen des „Arbeitskreises Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken“ über Arbeitsfortschritt und offene Fragen.
Die BSB ist Gründungsmitglied des im Jahr 2015 auf Initiative des Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst ins Leben gerufenen Forschungsverbunds Provenienzforschung Bayern (FPB), in dem spartenübergreifend Kulturgut bewahrende Institutionen des Freistaats aus Museen, Archiven, Bibliotheken und Wissenschaft versammelt sind. Er hat mittlerweile 22 Mitglieder und Kooperationspartner. Die BSB hat im Projektzeitraum regelmäßig an den alle zwei Monate stattfindenden Arbeitstreffen teilgenommen und fallweise berichtet. Der aktuelle Stand des Forschungsprojekts der BSB und ein Überblick zu den bisherigen Restitutionen ist auch zweisprachig auf der Homepage des FPB dokumentiert (https://provenienzforschungsverbund-bayern.de/). Weiterhin wurde über den Projektstand jeweils in den gedruckten und digital publizierten Jahresberichten des Verbunds ausführlich berichtet (https://provenienzforschungsverbund-bayern.de/de/taetigkeitsberichte). Im April 2019 wurde der Leiter der NS-Raubgutforschung an der BSB zum stellvertretenden Vorsitzenden des Verbunds gewählt.

Im Projektzeitraum hat sich die Bayerische Staatsbibliothek national wie international an Tagungen beteiligt:
•Stephan Kellner/Sebastian Peters: Searching for Looted Books at the Bavarian State Library, Munich: The Karl Süßheim Collection (1878 – 1947), Collecting and provenance. Usage, authenticity and ownership, November 13th–16th, 2016, The Israel Museum, Jerusalem
•Johannes Gramlich (Bayerische Staatsgemäldesammlungen), Ilse von zur Mühlen (Bayerisches Nationalmuseum), Stephan Kellner (Bayerische Staatsbibliothek): Kunst und Kulturobjekte aus ehemaligem NS-Besitz in Bayern: Grundlagen, Fallbeispiele, Forschung. Arbeitskreis Provenienzforschung e.V., München 28. – 30.11.16
•Stephan Kellner: Überweisung der Alliierten: Die Bibliothek der Ordensburg Sonthofen in der Bayerischen Staatsbibliothek. „Treuhänderische“ Übernahme und Verwahrung – international und interdisziplinär betrachtet. Tagung der Universitätsbibliothek Wien, 2. – 4.5.17
•Stephan Kellner/Franziska Eschenbach: Content kuratieren an der BSB. Die Virtuelle Ausstellung der NS-Raubgutforschung in Kooperation mit Google Arts & Culture. 7. Bibliothekskongress Leipzig, 18. – 21.3.19

Veröffentlichung

•Stephan Kellner/Gudrun Wirtz: Belgrad – München – Belgrad. Übergabe von Werken aus dem Verlag Geca Kon an die Serbische Nationalbibliothek. – In: Bibliotheksmagazin 11,3 (2016), S. 74–77. Auch in: Bibliotheksforum Bayern 11 (2017), S. 121–123
•Stephan Kellner: „Treuhänderische“ Übernahme und Verwahrung – International und interdisziplinär betrachtet. Tagungsbericht – In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 64 (2017), S. 337–339
•Stephan Kellner: Überweisung der Alliierten: Die Bibliothek der Ordensburg Sonthofen in der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Oliver Kaiser/Christina Köstner-Pemsel/Markus Stumpf: Treuhänderische Übernahme und Verwahrung, International und interdisziplinär betrachtet, Göttingen 2018, S. 279–295
•Stephan Kellner: Kooperative Restitutionen. Neue Entwicklungen bei der Rückgabe von NS-Raubgut in Deutschland. In: Bibliotheksmagazin 13,1 (2018), S. 67–70
•Stephan Kellner: Raub, Recherche, Restitution. Provenienzforschung an der Bayerischen Staatsbibliothek – Zwischenbilanz und Ausblick. – In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 66 (2019), S. 225–234

© Bayerische Staatsbibliothek, November 2019