Website of the German Lost Art Foundation

Sammlung Albert Funk

funding area Nazi confiscated art Grant recipient Hegau Museum Singen (Singen (Hohentwiel)) State Baden-Wuerttemberg Website http://www.singen-kulturpur.de/Archaeologisches_Hegau-Museum.609.html Contact person
  • Ralph Stephan M.A.
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionMuseumsleitung
    Telephone: +49 (0) 7731 85 26 8
Project type Langfristiges Projekt zur Kontextforschung Funding duration
  1. July 2009 to December 2010

Description

Seit 1925 kümmerte sich der Apotheker Albert Funk (1887– 1979) um das archäologische Erbe seiner Wahlheimatstadt Singen. Ihm war es zu verdanken, dass über Jahrzehnte hinweg im Hegau Grabungen durchgeführt wurden, bei denen zum Teil sensationelle Funde zu Tage kamen.

1951 konnten Teile dieser Funde ihre Heimat in den Ausstellungsräumen des Singener Schlosses finden. Viele archäologische Funde sind jedoch in den turbulenten 1930er Jahren und den darauf folgenden Jahrzehnten auf nicht ganz durchsichtige Weise ins Hegau-Museum gelangt bzw. von dort auch „verschwunden“.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert lagen die Belange der Heimatpflege und des Naturschutzes in Südbaden weitgehend in den Händen eines sich ehrenamtlich engagierenden Bürgertums. In der Regel wurden archäologische Grabungen von ortsansässigen Akademikern geleitet, die sich autodidaktisch in die Materie der Ur- und Frühgeschichte eingearbeitet hatten. Ein Großteil dieser Laienarchäologen entstammte einem gebildeten katholischen oder jüdischen Milieu. Die zum Teil sensationellen archäologischen Funde blieben häufig im Besitz der Ausgräber, wurden den Heimatkommunen geschenkt oder zu Ausstellungszwecken verliehen. Neben den eigentlichen Objekten sind vor allem die originalen Forschungsdokumentationen von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung. Hierunter fallen nicht nur Schriftstücke sondern auch Fotos, deren Negative und Abzüge, Zeichnungen, Aufbewahrungsgut, Vermessungsunterlagen und vieles mehr.

Mit dem Beginn der NS-Zeit wurde der gesamte Fachbereich der Ur- und Frühgeschichtsforschung verstaatlicht. Dutzende von Lehrstühlen entstanden an Universitäten, zahlreiche Dienststellen kümmerten sich um den „Heimatschutz“ und das „Germanische Erbe“. Der bekannteste Protagonist des NS-Staates war hierbei Hans Reinerth, der bereits ab den 20er Jahren an allen bedeutenden Grabungen der Bodenseeregion beteiligt war. Das bisher die Forschung tragende akademische Bürgertum wurde weitgehend verdrängt, insbesondere die unerwünschten Juden und gläubigen Katholiken. Nicht nur die Ur- und Frühgeschichte wurde arisiert, auch die Fundstücke wurden in der Regel ohne rechtstaatliche Verfahren von staatlichen Stellen in Besitz gebracht, in Museumssammlungen überführt und damit faktisch enteignet.

Albert Funk selbst, wie auch sein Mitstreiter Ludwig Finkh, arbeitete nach 1933 ehrenamtlich für die Denkmalpflege und den Naturschutz. Es ist zu vermuten, dass hierbei die persönliche Nähe des Letztgenannten zu Hermann Göring von nicht geringer Bedeutung war.

Viele archäologische Fundstücke wurden nach 1945 als verschollen oder geplündert gemeldet. Die Angaben hierzu sind jedoch nur teilweise glaubwürdig. Es ist in Einzelfällen eher gezielter Diebstahl zu vermuten. Zumindest boten die äußeren Ereignisse Anlass genug, dass wertvolle Objekte erneut den Besitzer wechselten. Ab 1950 gab sich Albert Funk ausweislich des archivierten Schriftverkehrs als alleiniger Eigentümer seiner umfangreichen Sammlung an Objekten, Fotos und Forschungsunterlagen aus. Diese grenzte er von späteren Zuweisungen durch das Land Baden (nach 1954 Baden-Württemberg) ab. Wie ältere archäologische Bestände jedoch in seine Sammlung kamen ist teilweise ungewiss.

Albert Funk hat nach 1945 genauso weitergear­beitet wie davor. Ihm ist es letztlich zu verdanken, dass es überhaupt ein Mu­seum und archäologische Funde gibt. Für ihn standen die Funde absolut im Mittelpunkt, dabei hat ihn wenig interessiert, wer gerade politisch an der Macht war. Unter dem NS-Regime scheint seine Arbeit einfacher gewesen zu sein als davor, was Funks eher positive Einstellung zum NS-Regime erklären würde. Außerdem hat Funk nicht davor zurückgescheut, die Möglichkeiten, die der NS-Staat bot, voll auszunutzen. Der NS-Staat stellte für Funk die entscheidenden und richtigen Weichen im Bereich Heimatschutz und unterstützte die Natur- und Denkmalpfleger. Allerdings hatte Funk auch nach 1945 keinerlei Probleme sich den neuen Gegebenheiten anzupassen: Der erste Nachkriegsbürgermeister – ein völlig unbelasteter Regimegegner – bescheinigte Funk einen tadellosen Lebenswandel. Dieser Bürgermeister bestätigte ebenfalls, dass Funk am Ende des Krieges seine ganze Kraft der Widerstandsbewegung zur Verfügung gestellt haben soll. Diese Aussage muss sehr kritisch betrachtet werden, allein schon weil Albert Funk auf Grund einiger chronischer Krankheiten zu diesem Zeitpunkt rein körperlich gar nicht zu „Widerstandskämpfen“ in der Lage gewesen wäre.

Die Nachkriegsgesellschaft hat sich nicht für den „politischen“ Albert Funk interessiert. Auch wenn es beim Entnazifizierungsverfahren Funks noch Personen gegeben haben muss, die ihn stark belasteten – anders ist eine hohe Geldstrafe und ein Berufsverbot nicht zu erklären – wurde seine Arbeit und seine Position als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Denkmalschutzes und Museumsleiter niemals in Frage gestellt oder kritisch hinterfragt. Im Gegenteil: sein enormes Engagement für den Natur- und Denkmalschutz - egal in welchem Regime - wurde als so verdienstvoll betrachtet, dass ihm sogar die Ehrenbürgerwürde der Stadt Singen verliehen wurde. Als eher ruhiger und zurückhaltender Zeitgenosse scheint Funk nie wirklich mit anderen Personen aneinander geraten zu sein. Auseinandersetzungen hat er eher gescheut, in all seinen Positionen. Dadurch war er ein sehr geschätzter Zeitgenosse, egal in welchem politischen System.

Zahlreiche Ausgrabungen, sowohl pseudo- wie auch wissenschaftlicher Art wurden bis 1945 durch gebildete Laien wie in unserem Fall Apotheker durchgeführt. Diese ehrenamtlichen Prähistoriker kamen mit ihrer germanophilen Deutung von Funden dem Wunsch der Nationalsozialisten nach politischer Legitimation entgegen. Hier sollte die kulturelle Höherwertigkeit der „Germanen“ als unmittelbare Vorfahren der Deutschen bewiesen werden. So gilt die prähistorische Archäologie als Schlüsselfach der NS-Zeit. In diesem Zusammenhang sei an den „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte“, erinnert, oder an Heinrich Himmlers „Ahnenerbe“, die Wissenschaftsabteilung der SS. Die Regimenähe, die im Zuge der Provenienzrecherche im Hegau-Museum offengelegt werden konnte, ist daher mit großer Wahrscheinlichkeit kein Einzelfall in der Wissenschaftsgeschichte der Archäologie. Es ist damit zu rechnen, dass auch an vielen anderen Orten die Heimatkunde „mit dem Spaten“ großzügig von den Nationalsozialisten gefördert wurde. Haupt- wie Ehrenamtliche Wissenschaftler werden sich in zahlreichen Fällen eng an den Protagonisten des Regimes sowie an deren ideologischer Weltanschauung angenähert haben.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnte in keinem einzigen Fall nachgewiesen werden, dass Stücke aus dem Sammlungsbestand des Hegau-Museums verfolgungsbedingt seinen ehemaligen Eigentümern entzogen worden sind. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass bei weiteren Recherchen oder durch Nachforschungen anderer Museen einzelne archäologische Fundstücke auftauchen, die nichtdeutschen staatlichen Stellen oder Privateigentümern im Zuge der militärischen Besetzung entzogen worden sind. Des Weiteren soll in den kommenden Jahren in verschiedenen Archiven deponierte Grabungsunterlagen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ihre Urheberschaft untersucht werden. Es bleibt trotz bisheriger Unauffälligkeit der überlieferten Dokumente wahrscheinlich, dass einzelne - vor allem ehrenamtlich tätige - Wissenschaftler verfolgungsbedingt um die publizistischen Früchte ihrer Arbeit gebracht wurden.

© Hegau Museum Singen