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Prüfung der Bestände des Heimatmuseums Müllrose im Hinblick auf den Eingang von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut

Zuwendungsempfänger Heimatmuseum Müllrose Bundesland Brandenburg Website http://www.muellrose.de/index.php?id=heimatmuseum Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Prüfung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. April 2014 bis Mai 2015
  2. Januar 2016 bis Januar 2017

Beschreibung

Ausgangsfragen und Zielsetzungen des Projektes

Im Zentrum des Projekts stand die systematische Prüfung der Bestände des Heimatmuseums Müllrose in Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. 2012/2013 war solches aus dem Besitz von Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar beim Erstcheck des Museumsverbandes Brandenburg festgestellt und in einem von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung geförderten kurzfristigen Projekt untersucht worden (70 Bücher und 19 Landkarten/ Kupferstiche aus der „Gräflich zu Lynarschen Fideikommiß Bibliothek“).

Das Projekt (4/2014 bis 4/2015) sollte deshalb die Zugänge von Objekten in der NS-Zeit aus Museums- und neu zu erschließenden Quellen rekonstruieren und die Erwerbsumstände prüfen. Zugleich waren Nachforschungen zu NS-verfolgten, vor allem jüdischen Frauen und Männern aus Müllrose sowie zwei Bestandsprüfungen vorgesehen. Im Verlauf erwies sich das Prüfen des Kunst- und Buchbestandes aufwändiger als zunächst angenommen. Es sollte daher in einem 2. Jahr (1/2016 bis 1/2017) fortgesetzt und abgeschlossen werden. Hinzu kamen Zinnobjekte, die in den 1930er Jahren über einen Altwaren-/ Antiquitätenhändler in die Sammlung gelangten.

Die Untersuchung der Provenienzen zielte darauf festzustellen, ob sich im Heimatmuseum Müllrose weitere NS-verfolgungsbedingt entzogene Objekte befinden oder nicht, und ob es nach der Farbskala
des DZK Zwischenstufen gibt.

 

Projekt in Zahlen

Zwischen 1933 und 1945 gelangten mindestens 495 Objekte, vier Gesteins- und eine Muschelsammlung, sowie vorgeschichtliche Objekte in unbekannter Anzahl in die damalige Sammlung für Heimatkunde von Müllrose. Bei Kriegsende gingen viele durch Zerstörung und Diebstahl verloren, noch mindestens 200 sind im heutigen Museumsbestand nachweisbar.
Als Provenienzen zu diesen Museumseingängen konnten 123 Privatpersonen, 1 Altwaren-/ Antiquitätenhändler, 3 Vereine, 1 Innung, 1 Firma und 1 Zeitschrift recherchiert werden. Zu einzelnen, meist nicht mehr vorhanden Objekten fehlt die Provenienz.

Die Datensammlung zu Frauen und Männern aus Müllrose, die in der NS-Zeit als Juden diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden bzw. durch Selbstmord starben, wurde ergänzt und präzisiert. Ein Müllroser kam als Roma zu Tode. Dazu kommen biografische Informationen zu 13 im Jüdischen Forsteinsatzlager Kaisermühl eingesetzten Jugendlichen und zu sieben weiteren NS-Opfern bzw. -Verfolgten.

Im 2. Projektjahr wurde die Prüfung von Provenienzen zu drei Beständen abgeschlossen. Nach der Untersuchung von insgesamt 2.069 Objekten, die weitgehend nach 1945 in den Museumsbestand von Müllrose gelangten, liegt nach dem Farbschema des DZK folgendes Ergebnis vor:

in Zahlen

 Anzahldavon rotdavon orangedavon gelbdavon grün
Kunstbestand127006859
Zinnbestand5200520
Buchbestand1.89041121.873
gesamt2.069411321.932

in Prozent

 Anzahldavon rotdavon orangedavon gelbdavon grün
Kunstbestand1000053,546,5
Zinnbestand100001000
Buchbestand1000,210,050,6499,10
gesamt1000,190,056,3893,38

Eine eindeutig belastete Provenienz weisen vier Bücher aus Lynarschem Besitz auf. Diese Herkunft könnte auch das als orange markierte Buch besitzen. Die Einschätzung der Provenienzen von Kunst- und Zinnobjekten, sowie von Büchern als nicht eindeutig geklärt zwischen 1933 und 1945 (gelb) resultiert vor allem aus der Quellenlage, da Hinweise auf Provenienzen bzw. auf Vorprovenienzen fehlen. Für über 93 Prozent der untersuchten Objekte kann nach dem heutigen Forschungs- und Kenntnisstand ein NS-verfolgungsbedingter Hintergrund ausgeschlossen werden.

 

Auflistung der für das Projekt relevanten handelnden historischen Personen und Institutionen

  • Heimatmuseum Müllrose, Sammlung für Heimatkunde
  • Hermann Trebbin, Initiator  und Leiter der heimatgeschichtlichen Sammlung und des Heimatmuseums von Müllrose
  • Richard Seeler, Antiquitäten-/Altwarenhändler in Frankfurt/Oder

 

Veröffentlichung

Das Heimatmuseum Müllrose und das Amt Schlaubetal informierten vor allem im zweiten Jahr im „Schlaubetal-Kurier“ über das Vorhaben.

Das Heimatmuseum und die Projektbearbeiterin nutzten gebotene Gelegenheiten, die Ergebnisse ihrer Provenienzforschung öffentlich sowohl vor Fach- als auch allgemein interessiertem Publikum zu präsentieren:

  • Marlies Coburger: Historische Landkarten und Bücher von Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar im Heimatmuseum Müllrose, in: Provenienz & Forschung, Hg.: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Dresden 2016, S. 16-23
  • Vortrag: Zu den Erstchecks an kleinen und mittleren Museen im Land Brandenburg seit 2012. Methoden, Ergebnisse, Erfahrungen, vor der Kommission für Provenienzforschung beim Bundeskanzleramt Wien, 20.10.2016 (mit Dr. Gabriela Ivan)
  • Vortrag: Sammlungen und Kulturpolitik – ambivalente Provenienzforschung im Land Brandenburg,  beim Seminar des Vereins Arbeit und Leben, Sassnitz, 18.09.2015
  • Deutschlandsender Kultur, Magazin Zeitfragen: NS-RAUBKUNST IN HEIMATMUSEEN. Provenienzforschung in der Provinz, 24.06.2015
  • Vortrag beim Treffen des Arbeitskreises Provenienzforschung, Weimar, 23.04.2015 (mit Alexander Sachse und Dr. G. Ivan)
  • Vortrag beim Workshop des Museumsverbandes des Landes Thüringen, 08.12.2014
  • Fernsehbeitrag im Magazin „Theodor“ des RBB, 26.10.2014
  • Radiobeitrag in „Zeitpunkte“ des Kulturradios des RBB, 08.11.2014.
  • Vortrag bei der Jahrestagung des Museumsverbandes des Landes Brandenburg, 14.04.2014 in Wandlitz (mit Dr. G. Ivan).
© Heimatmuseum Müllrose, April 2017