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NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ

funding area Nazi confiscated art Grant recipient Institut für die Geschichte der deutschen Juden Hamburg State Hamburg Website http://www.igdj-hh.de/NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ Project type Long-term project to systematically investigate collection holdings Funding duration
  1. September 2013 to August 2014
  2. September 2014 to August 2015
  3. September 2015 to August 2016

Description

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden führt im Rahmen des Projekts "NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ" umfangreiche Recherchen nach NS-Raubgut in seinen Buchbeständen durch. Das Projekt wird im Zeitraum vom 1. September 2013 bis zum 31. August 2016 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (bis 31.12.2014 Arbeitsstelle für Provenienzforschung) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.

Die Untersuchung des IGdJ fügt sich in die Reihe von Forschungsvorhaben, die in der Folge der "Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust" (1998) und der ein Jahr später verabschiedeten "Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" in diversen deutschen Bibliotheken, Museen, Archiven und anderen kulturellen Einrichtungen durchgeführt werden. Der systematischen Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut folgt die Dokumentation und Bekanntgabe der Ergebnisse mit dem Ziel der Restitution an die Vorbesitzer oder deren Erben.

In der Bibliothek des IGdJ befinden sich zurzeit rund 50.000 Bände. Für alle Bücher, die vor 1945 publiziert wurden, konnte vor Projektbeginn eine Provenienz aus NS-Raub- bzw. NS-Beutegutbeständen grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Da die Institutsbibliothek als jüdische Sammlung konzipiert und aufgebaut wurde, verstärkte sich diese Vermutung.

In der ersten Projektphase wurde der 8.325 Bücher und Zeitschriften umfassende Altbestand durchgesehen. Von ihnen tragen 938 Provenienzhinweise, die auf NS-Raubgut hinweisen oder hinweisen könnten. Die Ergebnisse der Durchsicht wurden fotografisch dokumentiert und in Excellisten festgehalten. Unser Ziel ist weiterhin, Hinweise auf NS-Raub- bzw. Beutegut zu verifizieren und zu erforschen: Unter den 938 Hinweisen befinden sich bislang 65 Bücher, bei denen es sich um NS-Raubgut handelt bzw. die stark verdächtig sind. Ende April 2015 wurden der Jüdischen Gemeinde Dresden in einer Feierstunde vier Bücher zurückgegeben. Bei 216 Büchern konnte der NS-Raubgutverdacht entkräftet werden oder die Hinweise waren zu unspezifisch. Für 657 Bücher steht diese Kategorisierung noch aus (Stand: 31. August 2015).

In der zweiten Projektphase geht es darum, diese Provenienzhinweise zu erforschen und den NS-Raubgut-Verdacht zu bestätigen oder zu entkräften. Nach Klärung der Provenienzhinweise schließt sich die Suche nach etwaigen Erben oder Nachfolgeinstitutionen an. Als dritter Schritt erfolgt die Dokumentation im Hamburger Campus-Katalog als Nachweis im überregionalen Verbundkatalog GBV (Gemeinsamer Bibliotheks-Verbund) sowie der Nachweis in der internationalen Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Daran werden wir weitere Restitutionsbemühungen anschließen. Ergebnisse unserer Recherchen werden der Öffentlichkeit auf Fachtagungen vorgestellt und in einer Ausstellung präsentiert werden.

NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ – das Beispiel Dr. Erwin Rawicz

Das Buch „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates“ (Ismar Elbogen, 1920) hat einen bemerkenswerten Weg in die Bibliothek des IGdJ zurückgelegt. Dr. Erwin Rawicz (1897-1981), der in Berlin als Anwalt arbeitete, stempelte seinen Namen in den hinteren Teil des Buches.

Der Familie Rawicz gelang im Oktober 1938 die Flucht in die USA. Im Jahr 1941 ließ die Hamburger Gestapo die im Hafen lagernden Umzugscontainer der Familie aufbrechen und durch die Firma Wilhelm Wehling versteigern. Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) wurde dabei großzügig mit Buchgeschenken bedacht.

Im Buch selbst ist noch die Zugangsnummer der SUB zu erkennen (Zugangsnummer: 1941/7776). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Buch an das „Institut für Auswärtige Politik Hamburg“ (Zugangsnummer: 1954/913) abgegeben, das 1973 in „Institut für Internationale Angelegenheiten der Universität Hamburg“ (IFIA) umbenannt wurde. 2003 kam das Buch schließlich als Geschenk des IFIA in den Buchbestand des IGdJ. Die Suche nach Erben blieb bislang erfolglos.

Provenienzmerkmal Institut für Auswärtige Politik Hamburg Provenienzmerkmal Institut für Auswärtige Politik Hamburg Provenienzmerkmal Institut für Auswärtige Politik Hamburg Source:  Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hubert Lang

Provenienzmerkmal der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Provenienzmerkmal der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Provenienzmerkmal der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Source:  Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hubert Lang

NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ – das Beispiel Victor Armhaus

In den Büchern „Jüdisches Fremdenrecht, antisemitische Polemik und jüdische Apologetik“ (Gustaf Marx, 1886) und „Stöcker’s angeblich ethisch-sociale Judenfrage“ (Fr. Müller, 1880) wurde der charakteristische Namenszug von Victor Armhaus gefunden:

Autograf von Victor Armhaus Autograf Victor Armhaus Autograf von Victor Armhaus Source:  Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hubert Lang

Victor Armhaus, 1859 geboren, war ein jüdischer Sprachwissenschaftler, der 1889 in Leipzig ein Übersetzungsbüro eröffnete. Er arbeitete als Dolmetscher an Leipziger Gerichten für 23 Sprachen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor er im Zuge der Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Bürger seine Beschäftigung an den Leipziger Gerichten.

Victor Armhaus Victor Armhaus Victor Armhaus Source:  Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hubert Lang

Während des Zweiten Weltkriegs musste Armhaus in ein winziges Zimmer in einem so genannten Judenhaus in der Auenstraße 14 ziehen. Bei dem Umzug wurde seine Bibliothek von der Gestapo beschlagnahmt. Im September 1942 wurde der 83-Jährige nach Theresienstadt deportiert, wo er aufgrund der Strapazen am 7. November 1942 verstarb. Wie die Bücher in die Bibliothek des IGdJ kamen, ist leider nicht ganz zu klären. Keines der beiden verfügt über eine Zugangsnummer des Instituts; sie wurden somit offensichtlich in den ersten Jahren nach der Institutsgründung zwischen 1966 und 1972 erworben. Das Buch „Jüdisches Fremdenrecht“ wurde höchstwahrscheinlich aus der DDR antiquarisch angekauft. Darauf weist ein Stempel der Akademischen Buchhandlung Wilhelm Faber in Leipzig auf dem Buchdeckel hin, der mit „abgegeben an das Norddeutsche Antiquariat“ überstempelt wurde. Das Norddeutsche Antiquariat befindet sich in Rostock und wurde 1955 gegründet.

Nicht nur in der Bibliothek des IGdJ wurden Bücher von Victor Armhaus gefunden. Die Kollegen in der Universitätsbibliothek Leipzig haben während ihres Provenienzforschungsprojekts 63 Bücher gefunden, die ihm ebenfalls gehört haben. Außerdem fand sich das Autogramm des Sprachwissenschaftlers in einem Buch der Staatsbibliothek zu Berlin. Der Leipziger Rechtsanwalt Hubert Lang, der die Familie Armhaus vertritt, wurde telefonisch über den Bücherfund informiert. In dem Gespräch wurde die Restitution der beiden Bücher angeboten. Die Armhaus-Erben wollen, dass die Bücher des Sprachwissenschaftlers der Universitätsbibliothek in seiner Heimatstadt Leipzig überlassen werden.

Susanne Küther/Jörn Kreuzer

© Institut für die Geschichte der deutschen Juden