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Provenienzrecherche im LVR-Landesmuseum Bonn - ab 1933: Vorkriegs-/Kriegs-/Nachkriegserwerbungen von Gemälden

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger LVR-Landesmuseum Bonn Bundesland Nordrhein-Westfalen Website http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de/de/startseite.htmlProvenienzforschung Ansprechpartner Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Erschließung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. Juni 2010 bis Mai 2011
  2. Juni 2011 bis Mai 2012

Beschreibung

Die Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte (Abteilung Gemälde) des heutigen LVR-LandesMuseum Bonn für die Jahre 1933 – 1945 ff. wird seit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts betrieben. Seit Ende 2005 ist die Provenienzforschung ein offiziell beauftragtes Forschungsunternehmen im LVR-LandesMuseum Bonn. Es wurde dafür aber nicht eigens eine Stelle geschaffen, sondern der Auftrag ist zusätzlich zur „eigentlichen“ Arbeit zu erledigen.

Ankäufe nach 1933
Wie fast alle größeren deutschen Museen wurde auch das LVR-LandesMuseum Bonn während des ‚Dritten Reiches‘ mit erhöhtem Etat und einigen Privilegien ausgestattet. Die vermeintliche Gunst der Stunde nutzte es in großem Stil für den Ankauf von Gemälden Niederländischer Alter Meister. Bei der Beschaffung durch Tausch oder Ankauf von archäologischen Funden konzentrierte sich das Haus auf Funde aus dem Rheinland.
Aufgrund seiner geografischen Lage und als so genanntes Grenzlandmuseum orientierte sich das Landesmuseum dabei völlig nach dem Westen – in die Niederlande, nach Belgien und nach Frankreich.
Dabei wurde es unterstützt von Dienststellen in Berlin und deutschen Dienststellen und deutsch verwalteten Banken in den besetzten Westgebieten. Der Motor des Ganzen war der Landesrat der Abteilung X (Kulturpflege) der Rheinischen Provinzialverwaltung, der Kunsthistoriker und Prähistoriker (Nebenfach) Dr. Hans-Joachim Apffelstaedt.
Nach 1945 führten alle der damals handelnden Personen – sofern sie den Krieg als Wehrmachtsangehörige überlebt hatten - bruchlos ihre Arbeit am Landesmuseum in Bonn fort.

Erstes Projektjahr – Digitale Bildakten
226 Gemälde. 226 mal die Frage nach der Provenienz.
Bereits vor Beginn des geförderten Projektes wurde ein Fundament für die methodische Provenienzrecherche gelegt. Anhand von Bestandskatalogen, Aktenbeständen, Listen, Korrespondenzen etc. aus damaliger und heutiger Zeit konnte der zu untersuchende Bestand von insgesamt rund 1000 Gemälden des Landesmuseums auf knapp 200 Gemälde reduziert werden.

Seit Juni 2010 wird im Rahmen des Projektes der gesamte Gemäldebestand des LandesMuseums mit dem Blick auf fragwürdige Provenienzen hin untersucht.
Im ersten Projektjahr wurde mit Hilfe der Arbeitsstelle für Provenienzforschung und  –recherche in Berlin eigens für die Untersuchung dieser knapp 200 Gemälde eine Internet-Datenbank erstellt.
Jedes Gemälde erhielt in dieser Datenbank eine virtuelle Akte, in der alle relevanten Informationen zum einzelnen Gemälde festgehalten werden. Alle bereits vorhandenen Rechercheergebnisse (inkl. der Eckdaten wie Bezeichnung, Künstler, Entstehungsjahr, Maße, Material) bilden die Basis, die stetig mit neuen Informationen erweitert wird. Diese virtuelle Bildakte gibt nun den tagesaktuellen Forschungsstand zur Geschichte, Provenienz und der individuellen Quellenlage wieder.

Zur Vervollständigung jeder Bildakte hat das Landesmuseum aus eigenen Mitteln die fotografische Neuaufnahme der Gemälde in Auftrag gegeben. Wesentlich bei diesem Vorhaben war, dass nicht nur eine Neuaufnahme der Vorderseite der Gemälde entsteht, sondern auch und zum ersten Mal systematisch alle Rückseitendetails erfasst wurden.
Hier finden sich Aufkleber ehemaliger Ausstellungsorte, Zoll-Stempel von Grenzübergängen, Siegel einstiger Sammler oder Kunsthandlungen sowie Annotationen von Restauratoren. Um diese Informationen handhabbar zu machen, wird jedes Detail fotografisch festgehalten, in der Bildakte vermerkt und beschrieben.

Nachdem diese Arbeiten nach 12 Monaten erfolgreich abgeschlossen werden konnten, beschäftigt sich das zweite Jahr mit der Füllung der Lücken in den Provenienzangaben sowie mit der damit einhergehenden umfangreichen Erforschung der ehemaligen Besitzerverhältnisse.

Zweites Projektjahr – Provenienzforschung im Landesmuseum Bonn
Die Suche nach 226 Antworten.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die Erfassung der Kunsthändler, Kunstagenten und Auktionshäuser, die mit dem Landesmuseum in geschäftlicher Verbindung standen, mit ihren Firmendaten, Biografien und Aktivitäten in der fraglichen Zeit.

Auch hier wurde bereits vor Beginn des Projektes ein großer Teil Basisarbeit geleistet. Durch Recherchen rund um den deutschen und europäischen Kunsthandel, mit besonderem Blick auf den Bonner Raum und das umliegende Rheinland (Vorkriegszuschnitt), wurden unzählige Informationen zusammengetragen.
Nun gilt es, diese Informationen im Rahmen des Projektes neu zu ordnen, Zusammenhänge zu erkennen, Informationslücken sichtbar zu machen, auch die scheinbar nebensächlich wirkenden Hinweise richtig zu deuten und Akten erneut zur Hand zu nehmen.

Jede der oben genannten Bildakten bildet für diese Recherchen den Ausgangspunkt. Die zentrale Frage dabei lautet, und zwar unabhängig davon, ob das Museum das Werk im Zeitraum von 1933 bis 1945 erwarb oder erst Jahre später: Hat das Gemälde den zweiten Weltkrieg mit einer weißen Weste überstanden oder gibt es Anhaltspunkte dafür, dass es aus einer verfolgungsbedingten Situation heraus auf den Markt kam?

So ergibt sich eine Frage nach der nächsten: Das Landesmuseum hat das Gemälde einst von Jemandem erworben – wo hat diese Person es her? Hat sie es rechtmäßig erworben? Wo finden sich Belege?

Ein Ziel: Ein digitales Kunsthandellexikon mit dem Fokus auf das Vorkriegs-Rheinland
Es findet sich eine Fülle an Hinweisen, die – richtig zusammengesetzt - Aufschluss über das Netzwerk des damaligen Kunsthandels geben.
Um einen Überblick zu schaffen und mit den richtigen Informationen eine Antwort auf die zentrale Frage zu finden, werden im Laufe des zweiten Projektjahres alle Daten rund um den Kunsthandel in die Datenbank aufgenommen und nach Möglichkeit ergänzt.

Informationen, die bislang nur auf Papier in Archiven vorhanden waren, werden ausgewertet, digitalisiert und innerhalb der Datenbank auffindbar gemacht. Hinweise aus zahlreichen literarischen Werken (Fachbücher, Autobiografien, Biografien etc.) mit Bezug zum Nationalsozialismus und seinen Akteuren werden mit aufgenommen und relevante Beziehungen hervorgehoben. Intensive Internetrecherchen decken oft schwer auffindbare Informationen zu wichtigen Personen und Institutionen auf, wodurch – vorher nur schwer erkennbare Zusammenhänge – nun in einen nachvollziehbaren Kontext gebracht werden. Archivbesuche intensivieren sich.
So füllt sich die Datenbank immer weiter mit Namen, Adressen, Daten und historischen Abbildungen sowie Informationen zu Archivbeständen, Quellenhinweisen, spezifischer Literatur und Ansprechpartnern.

Dank dieser systematischen Erfassung und Neuordnung von Daten wurde die Provenienzrecherche zu einzelnen Gemälden vorangetrieben. Der Weg zum Ziel, d. h. die noch zu füllenden Informationslücken liegen nun klarer vor Augen und die Suche nach antwortbringenden Hinweisen kann methodisch angegangen werden.

Innerhalb der Bonner Datenbank ist durch semantische Verknüpfung ein Informationsnetzwerk entstanden, das u. a. Aufschluss über geschäftliche Beziehungen innerhalb des Rheinlandes gibt und darüber hinaus eine Fülle von Daten und Quellenmaterial zu den „Einkaufs-Touren“ in den besetzten Westgebieten.

Die Antwort liegt meist sehr nah: Die Geschichte des Rheinischen Landesmuseum Bonn in der NS-Zeit
Oft liegen die Antworten gar nicht so fern. Doch muss man erstmal dahinter kommen, wo man sie suchen muss. Dazu ist es grundlegend, die Geschichte des Hauses, speziell die Geschichte des Rheinischen Landesmuseum Bonn in der NS-Zeit aufzuarbeiten und damit zu verstehen.
Viele Informationen zur Provenienz der Gemälde finden sich in den eigenen Archiven und Inventarverzeichnissen. Korrespondenzen zwischen Museumsmitarbeitern und Kunsthändlern sowie Privatpersonen zeigen, wie ein Gemälde seinen Weg ins Landesmuseum fand. Und wenn sich nicht gleich ein direkter Hinweis auf die Provenienz finden lässt, so finden sich doch zumindest Namen oder gar Orte, die nahelegen, wo die Suche fortzusetzen ist.
Es finden sich Hinweise auf das geschäftliche Umfeld der Protagonisten und Nebenakteure im Museumsalltag, aber auch auf ihr soziales Netzwerk, auf Kontakte im In- und Ausland, auf Arbeitsweisen und –wege.
Das Wirken von Museumsdirektoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Kunstsachverständigen, Stiftern, Stäben, Händlern, Agenten u. a., sowie die daraus entstehenden Resultate, sind in zahlreichen Akten zu finden und helfen die Geschichte des Hauses in der NS-Zeit zu rekonstruieren.
Dabei sind besonders die Informationen interessant, die zwischen den Zeilen stehen. Beispielsweise wie die Direktoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter es geschafft haben, trotz Devisensperre im Ausland einzukaufen.
Vom Allgemeinen, der Zeitgeschichte und der (Landesmuseums)Alltagsgeschichte zum Besonderen: dem Erwerb des einzelnen Gemäldes, hat sich nicht nur als gangbarer, sondern als effektiver Weg erwiesen.

1000 Gemälde (und anderes) im LVR-LandesMuseum Bonn
Auch wenn es vielleicht ein utopischer Gedanke ist, dass man eine Provenienzrecherche für jeden einzelnen Gegenstand im Landesmuseum durchführen könnte, sollte man sich zumindest bewusst machen, dass der erste Schritt dorthin durch die Provenienzforschung zu den Gemälden bereits getan wird.
Die in der fraglichen Zeit erworben Objekte, seien es Gemälde oder aber archäologische Gegenstände, gingen oft durch die gleichen Hände. Antiquariate und Kunsthändler verkauften jenes ebenso wie Bücher oder Mobiliar. Und so finden sich viele der Namen nicht nur im Zusammenhang mit dem Erwerb von Gemälden, sondern auch von beispielsweise archäologischen Gegenständen wieder. Durch das Aufdecken der Provenienz eines Gemäldes, klärt man oft zugleich die Frage nach der Herkunft von weiteren Gegenständen, die auf demselben Weg ins Landesmuseum gelangten.

Das Bonner Landesmuseum in der NS-Zeit und der Kunsthandel im Rheinland. Wem sind diese Informationen zugänglich?
Da neben allgemeinen auch museumsspezifische und sensible Angaben in der Datenbank aufgenommen wurden, steht der Bonner Raum im AfP-Portal lediglich den Mitarbeiterinnen des Forschungsprojektes zur Verfügung. Sollten Sie sich für die Provenienzforschung im Landesmuseum interessieren, können Sie gerne eine schriftliche Anfrage an uns senden; die Kontaktdaten des Museums finden Sie unten aufgeführt.

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Veröffentlichung

Bettina Bouresh, Die Neuordnung des Rheinischen Landesmuseums Bonn 1930-1939. Zur nationalsozialistischen Kulturpolitik der Rheinprovinz. (= Landschaftsverband Rheinland (Hg.), Kunst- und Altertum am Rhein, Bd. 141), Köln 1996.

Marion Widmann, Passion und Pathologie des Sammelns. in:  Rheinisches Landesmuseums in Bonn, Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege im Landschaftverband Rheinland und des Vereins für Altertumsfreunden im Rheinlande (Hg.), Bonner Jahrbücher Bd. 205, Mainz 2005, 243 - 282.

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