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Systematische Provenienzrecherche zu Erwerbungen der Jahre 1945 bis 1965

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Museen der Stadt Bamberg Bundesland Bayern Website Provenienzforschung bei den Museen der Stadt Bamberg Lost Art-Meldung zu Fundmeldungen der Einrichtung Ansprechpartner
  • Dr. Regina Hanemann
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionDirektorin Museen der Stadt Bamberg
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilmuseum@stadt.bamberg.de
Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Erschließung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. März 2016 bis April 2017

Beschreibung

Ausgangsfragen und Zielsetzungen des Projekts

Das Historische Museum Bamberg wurde 1938 als „Fränkisches Heimatmuseum“ umstrukturiert und neu gegründet. In dem neuen Museum wurden die bereits seit 1838/39 existierenden städtischen Kunstsammlungen zusammen mit den Sammlungen des Historischen Vereins zu Bamberg präsentiert. Zur Ergänzung der Bestände wurden vor allem in den 1930er Jahren umfangreiche Neuerwerbungen getätigt. Aus diesem Grund war die systematische Provenienzrecherche der Bestandszugänge zwischen 1933 und 1945 Gegenstand des vorangegangenen Provenienzforschungsprojekts der Museen der Stadt Bamberg.
Anknüpfend an diese Rechercheergebnisse sollten die Sammlungszugänge des Historischen Museums zwischen 1945 und 1965 hinsichtlich NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Eigentum, systematisch untersucht werden. Dafür wurde der Bestand zunächst auf mögliche Verdachtsobjekte geprüft und diese anschließend einer vertiefenden Provenienzrecherche unterzogen. Im Vordergrund standen dabei die Objekte, die Mitte der 1950er Jahre aus der städtischen Vermögensverwaltung in den Sammlungsbestand des Historischen Museums Bamberg überwiesen wurden. Dazu zählt u.a. ein Konvolut von Gemälden und Aquarellen, das 1955 aus dem sogenannten Böttingerhaus in Bamberg ins Historische Museum überführt wurde. Ergänzend zur Prüfung der Provenienzen unterstützten die Rechercheergebnisse die Erforschung der Sammlungs- und Personenhistorie und erweiterten das bereits verfolgte Forschungsvorhaben, die Struktur des örtlichen Kunsthandels und der Verwaltungsbehörden in Bezug auf den Kulturgutraub zu untersuchen.

Projekt in Zahlen

Zu Beginn des Projekts wurde zunächst ein Erstcheck für die Zugänge zwischen 1945 und 1965 durchgeführt, um die Verdachtsobjekte eines möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzugs zu ermitteln.
Ausgehend von dem Gesamtbestand von mehr als 50 000 Objekten umfassen die Zugänge zwischen 1945 und 1965 lt. Datenbank ca. 1270 Objekte. Bei diesen handelt es sich um Gemälde, Graphiken, Plastiken, Metallarbeiten, astronomische Geräte und angewandte Kunst (Keramik, Glas, Schmuck). Bei der Prüfung der zwischen 1945 und 1965 erworbenen Sammlungsobjekte wurden 222 Werke ermittelt, für die der Verdacht eines NS-verfolgungsbedingten Entzugs bestand. Für diese wurden umfassende Objektdokumentationen und Recherchen durchgeführt, die jedoch aufgrund der begrenzten Bearbeitungszeit nicht für alle Objekte abgeschlossen werden konnten. Die in der Tabelle angegebenen Zahlenwerte spiegeln somit den bis zum Projektende erzielten Recherchestand der vertiefenden Einzelrecherchen wider. Im Rahmen der Recherchen konnte bisher für drei Werke eine unbedenkliche Provenienz festgestellt werden. Für 136 Objekte konnte die Provenienz zwischen 1933 und 1945, u.a. aufgrund der derzeitigen Aktenlage, nicht eindeutig geklärt werden. Bei diesen Werken bestehen Provenienzlücken, aufgrund derer ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden kann. Bei 56 der untersuchten Objekte ist die Provenienz bedenklich und sollte dringend weiter erforscht werden. Für 27 Objekte bestätigte sich durch die Recherche ein NS-verfolgungsbedingter Entzug.

222

100%


Überprüfte Objekte insgesamt

3
[1,3 %]
Die Provenienz ist zwischen 1933 und 1945 rekonstruierbar und unbedenklich. Sie schließt einen NSverfolgungsbedingten
Hintergrund aus, eine weitere Überprüfung ist nicht notwendig.
136[61,3 %]Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 nicht eindeutig geklärt, es bestehen Provenienzlücken oder die Provenienz ist nicht zweifelsfrei unbedenklich. Die
Herkunft muss weiter erforscht werden.
56[25,2 %]Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 bedenklich, da Hinweise auf einen Zusammenhang auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug vorliegen. Die Herkunft
muss dringend weiter erforscht werden.
27[12,2 %]Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 eindeutig belastet. Neben der Suche nach heutigen Erbanspruchsberechtigten ist eine Meldung in die Lost Art
Datenbank einzustellen.

Auflistung der für das Projekt relevanten handelnden historischen Personen und Institutionen

Für die Provenienzrecherche der Zugänge des Historischen Museums zwischen 1945 und 1965 sind die Überweisungen von der städtischen Vermögensverwaltung zentral. Einige wenige Objekte wurden auch aus dem Wirtschaftsamt und der Finanzverwaltung ans Museum überwiesen. Als Leiter der städtischen Vermögensverwaltung ist in Bezug auf die Recherchen Karl Kühnle zu nennen. Außerdem war der langjährige Museumsmitarbeiter August Schlund mit der Verwaltung und Inventarisierung der Museumszugänge betraut und wird in diesen Zusammenhängen in den Akten erwähnt.
Im Vergleich zur Recherche der Zugänge zwischen 1933 und 1945 spielt der Kunsthandel bei den Erwerbungen zwischen 1945 und 1965 keine Rolle. Es wurden zwei Zugänge von den bereits bekannten Kunsthändlern Wolfgang Boxleidner und Oswald Lehmann mit als Verdachtsobjekte aufgenommen, da ihr Erwerbsdatum unbekannt ist. Beide Kunsthändler verstarben vor 1945; das Geschäft von Oswald Lehmann wurde nach seinem Tod von seiner Ehefrau Josefine Lehmann weitergeführt.
Für einen großen Anteil der Verdachtsobjekte wurde als Zugang lediglich allgemein „Stadt Bamberg“ verzeichnet. Außerdem wurden zahlreiche Objekte mit unbekannter Herkunft in die Auswahl der Verdachtsobjekte mit aufgenommen.

Tranzparenz

Das Provenienzforschungsprojekt wurde auf der Homepage der Museen der Stadt Bamberg, im Rathaus Journal der Stadt Bamberg (09/2017) und in der lokalen Tagespresse (Fränkischer Tag, u.a. 22./23.04.2017) veröffentlicht. Außerdem stellte Frau Schneider das Projekt und die wichtigsten Rechercheergebnisse auf der Herbsttagung des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. (28.11.2016) durch den Vortrag: „Von der Kunstsammlung zum Heimatmuseum. Erwerbungen des städtischen Museums Bamberg zwischen 1933 und 1945“ vor.
Wie im Förderantrag vereinbart erscheint ein Aufsatz in der Schriftenreihe des Historischen Vereins Bamberg.
Als Abschluss der an den Museen der Stadt Bamberg durchgeführten Provenienzforschungsprojekte wurde die Sonderausstellung „Spurensuche – Provenienzforschung an den Museen der Stadt Bamberg. Einblicke. Möglichkeiten. Grenzen“ realisiert. Ziel der Ausstellung war es, die einzelnen Projekte sowie deren wichtigste Rechercheergebnisse und prägnantesten Fälle der Öffentlichkeit vorzustellen. Als besonderes Anliegen der Ausstellung sollte die Arbeitsweise der Provenienzforschung durch die aktive Einbeziehung des Besuchers näher vorgestellt werden. In dem dafür entwickelten Rechercheparcours wird der Besucher an einzelnen Stationen von einem Rechercheschritt zum nächsten geleitet und auf diese Weise ein realer Fall in vereinfachter Form nachvollziehbar. Zu der im April eröffneten Ausstellung entstanden ein Hörfunk-Beitrag für den Bayerischen Rundfunk in der Sendung „Regionalzeit“ im Programm BR 2 (10.4.2017) sowie ein Fernseh-Beitrag für BR Fernsehen im Rahmen der abendlichen Magazinsendung „Frankenschau aktuell“ (18.4.2017).
Vor Abschluss des Projektes führte Frau Schneider im April die Provenienzforschungskolleginnen des Stadtmuseums Tübingen durch die Ausstellung und stellte ihnen neben den wichtigsten Rechercheergebnissen auch die Herausforderungen bei der Umsetzung der Ausstellung und der Vermittlung der Forschungsinhalte vor.
Die Vermittlung der Ausstellungsinhalte wurde durch eine Führung im Rahmen der Volkshochschule mit dem Titel „Die Stecknadel im Heuhaufen – Provenienzforschung in Bamberg“ von Museumsdirektorin Dr. Hanemann durchgeführt. Auch eine mittägliche Kurzführung mit dem Titel „Mehr als Gurlitt und Co.: Provenienzforschung in Bamberg“ fand im August 2017 statt.

© Museen der Stadt Bamberg, August 2017