Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Provenienzforschung städtischer Kunstbesitz

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Städtische Galerie Karlsruhe Bundesland Baden-Württemberg Website http://www.karlsruhe.de/b1/kultur/kunst_ausstellungen/museen/staedtische_galerie/forschung.de Ansprechpartner Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Erschließung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. Juni 2016 bis Juli 2018

Beschreibung

Ausgangslage und Zielsetzung des Projektes

Die Städtische Galerie Karlsruhe verwaltet einen reichen, seit der vorletzten Jahrhundertwende entstandenen Sammlungsbestand, von dem vor allem die älteren Bestände wenig wissenschaftlich aufgearbeitet werden konnten. Die ehemals vom Amt für Archiv, Bücherei und Sammlungen verwalteten Kunst- und Kulturgegenstände wurden ab 1960 neu geordnet und inventarisiert. Die Neu-Inventarisierung der Sammlungen der Stadt vollzog sich über Jahrzehnte, so dass noch bis in die 1990er Jahre Kunstwerke aus ungeklärten Quellen mit dem Vermerk Altbestand zu den Städtischen Kunstsammlungen kamen. Diese Situation bedeutete Handlungsbedarf hinsichtlich der Provenienz von ca. 1650 Werken allein in der Städtischen Galerie Karlsruhe; mit ersten Vorarbeiten wurde bereits im Jahr 2015 begonnen.

Im Fokus dieses am 1. Juni 2016 begonnenen Projektes stehen in einem ersten Schritt die Erwerbungen der Stadt Karlsruhe, die aus dem belasteten Kunsthandel in der Zeit des Nationalsozialismus stammen und sich im Inventar der Städtischen Galerie nachweisen lassen. Als Einstieg in ein Verständnis städtischer Kunstpolitik bot sich die Konzentration auf das Kunsthaus Wilhelm Ettle in Frankfurt am Main an, da allein die Hälfte aller ersteigerten Werke jener Jahre von dort stammen. Hinzu kommen Erwerbungen in Leipzig bei Carl G. Boerner und bei Ernst Hauswedell in Hamburg sowie in Köln, Kunsthaus Math. Lempertz, und Stuttgart bei der Galerie Valentien.

Bereits bei Projektbeginn war zu erkennen, dass die getätigten Erwerbungen vorwiegend Künstlern galten, deren Biografien mit der Stadt Karlsruhe in Verbindung zu bringen sind. Dies erklärt, wieso neben Ludwig Dill (von Ettle) und Carl Friedrich Lessing (von Boerner) auch Werke von Johann Wilhelm Schirmer gekauft wurden, von letzterem Blätter sowohl bei Ettle wie Boerner und noch 1954 mehrere Ölskizzen im Kunsthaus Lempertz, Köln.

Allerdings warf gerade der Erwerb von Werken Schirmers und Lessings die Frage nach einer Sammlungskonzeption der Stadt auf, existierten doch bereits seit dem 19. Jahrhundert vor Ort zwei Institutionen - die Staatliche Kunsthalle und die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste - die sich auf Grund ihrer Gründungsgeschichte für beide Romantiker zuständig sehen konnten. Hinzu kommen Erwerbungen von Franz Reder-Broili, Nicolas Gilles und Christian Sell, die zunächst nicht ins Schema passten.

Nach Zusammenführung und Inspektion der einzelnen Werke lässt sich der Sammlungsschwerpunkt städtischer Ankaufspolitik im fraglichen Zeitraum bestätigen. Aufgrund von im Stadtarchiv Karlsruhe gefundenen Protokollen ließen sich alle Erwerbungen von Ettle identifizieren und bis auf einen Fall auch dem jeweiligen Künstler zuschreiben.

Da ein Großteil der Erwerbungen in der Zeit von 1938-1944 auf das Kunsthaus Wilhelm Ettle in Frankfurt am Main entfiel, wurde am Beginn des Projektes dieser Bestand der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste vorgegebenen Farbskala entsprechend in die Rubrik Orange aufgenommen. Sechs der 19 Erwerbungen von Ettle können inzwischen als unbedenklich eingestuft werden.

Auflistung der für das Projekt relevanten historischen Personen und Institutionen

- Oberbürgermeister Dr. Oskar Hüssy
Das Stadtarchiv
- Josef Peter Laubach, Stadtamtmann
Die Staatliche Kunsthalle
- Dr. Kurt Martin, Direktor der Staatlichen Kunsthalle und Generalbevollmächtigter der Oberrheinischen Museen;
- Dr. Gerda Franziska Kircher, Kunsthistorikerin unter dem Direktorat von Hans Adolf Bühler an der Kunsthalle und Publizistin
Der Badische Kunstverein
- Otto Hoch

Transparenz

In Absprache mit der Leitung der Städtischen Galerie Karlsruhe ist für Januar/Februar 2018 ein Vortrag zur Sammlungsgeschichte der Städtischen Kunstsammlungen in der NS-Zeit mit Schwerpunkt auf den Stand der Provenienzforschung am Hause geplant.

Im Umfeld der Recherchen zu den städtischen Erwerbungen im belasteten Kunsthandel fand sich im Stadtarchiv zudem ein Hinweis auf ca. 350 Gemälden und Graphiken aus jüdischem Besitz, die der Stadt Karlsruhe 1943 von der Zivilverwaltung zugewiesen wurden, also vermutlich vom Chef der Zivilverwaltung für Baden und das Elsaß, Abteilung Volksaufklärung und Propaganda, Reichsstatthalter Robert Wagner. Der Verbleib dieser Bilder, die nicht inventarisiert wurden, ist bislang ungeklärt.

© Städtische Galerie Karlsruhe, Juli 2017