Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Die Sammlungen der von Portheim-Stiftung und ihre „Verwertungen“ während der NS-Zeit

Zuwendungsempfänger Völkerkundemuseum der Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung (Heidelberg) Bundesland Baden-Württemberg Website http://www.voelkerkundemuseum-vpst.de/Provenienzforschungen Ansprechpartner
  • Dr. Margareta Pavaloi
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionDirektorin
    Telefon: +49 (0) 6221 22 06 7
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilmail@voelkerkundemusemusem-vpst.de
Projekttyp Langfristiges Projekt zur Kontextforschung Projektlaufzeit
  1. März 2014 bis März 2015
  2. März 2015 bis März 2016
  3. März 2016 bis März 2017

Beschreibung

Ausgangsfragen

Die im Dezember 1919 gegründete Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung für Wissenschaft und Kunst, Trägerin des Völkerkundemuseum vPST, war als eigenständiger Verbund von Forschungseinrichtungen, die zum Teil mit umfangreichen Sammlungen ausgestattet wurden, konzipiert. Die Arisierung und Neuausrichtung während der NS-Zeit hatten tiefgreifende Implikationen für den Charakter der Stiftung. Hinsichtlich der Sammlungen war der Verlust beträchtlicher Bestände Folge der Instrumentalisierung im Sinn der NS-Ideologie.
Zu den wesentlichen Aufgaben des Projekts gehört die Erschließung relevanter Aktenbestände, um die entzogenen Sammlungsbestände zu dokumentieren sowie ihrem Verbleib nachzugehen. Ferner sollen die Strategien dieser “Verwertung” sowie die involvierten Netzwerke recherchiert werden.

Projekt in Zahlen

Die folgenden Zahlen geben den Kenntnisstand zum Förderungsende wieder und sind größenteils noch nicht als endgültig zu betrachten. Der Umfang der jeweils zu untersuchenden Sammlungskonvolute war nicht bekannt, sondern ist selbst Ergebnis der Recherchen und konnte nur so weit rekonstruiert werden, wie es die Dokumentationslage zulässt.

  • Münzsammlung: mind. 1200 Objekte; komplett verloren.
  • Prähistorische Sammlung: ca. 13.500 Objektnummern vorhanden, davon etwa 12.800 als Dauerleihgabe am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg. Keine Indizien für umfangreichere Verluste gegenüber dem ursprünglichem Umfang der Sammlung zwischen 1933 und 1945.
  • Graphische Sammlung: ca. 700 Inkunabeln, alte Drucke und Handschriften; etwa 160 Nummern Miniaturen und Einblattdrucke (entspricht etwa 400+ St.); Druckgraphik, Handzeichnungen u.ä. (etwa 2300++ St.); weitestgehend bzw. komplett “verwertet”.
  • Volkskundliche Sammlung: mindestens 4500 Objekte, davon noch 300 Objekte im Haus, Verbleib von 4200 unbekannt. Hinzu kommen: ein sammlungsbezogenes Bildarchiv (schätzungsweise 20.000 Fotografien und Glasdias), davon noch 650 im Haus, ansonsten Verbleib unbekannt; eine volkskundliche Fachbibliothek (ca. 12 000 Bücher und Zeitschriftenbände), Verbleib weitestgehend unbekannt; eine Sammlung historischer Spielkarten (mind. 888 Einzelkarten und Sets zu je 42 und 48 Karten), Verbleib weitestgehend unbekannt.
  • Gemälde: 55 Gemälde, davon 19 vorhanden, 36 verschollen.

Beteiligte Personen und Institutionen

Gründer der Stiftung waren VICTOR GOLDSCHMIDT (1853-1933, Kristallograph und Universalgelehrter, Kuratoriumsvorsitzender 1919-1933) und seine Gattin LEONTINE GOLDSCHMIDT, geb. von Portheim (1863-1942, Kuratoriumsvorsitzende 1933-1935), beide jüdischer Herkunft. Bis 1933 waren sie maßgeblich für den Erwerb der Sammlungen der Stiftung zuständig, in die auch ihre umfangreichen privaten Sammlungsbestände mit einflossen.

Die im Zusammenhang des Projektes bedeutendsten der zahlreichen Stiftungsinstitutionen waren:

  • Das Kristallographische Institut mit mineralogischer Sammlung, von Goldschmidt selbst geleitet, nach seinem Tod 1933 bis zur Auflösung des Instituts 1939/40 von HANS HIMMEL (1897-[nach 1970]), der seit 1924 bereits Assistent des Instituts war.
  • Das Ethnographische Institut, später “Abteilung für Auslandskunde und Ethnographische Sammlung”, bis 1939 unter der Leitung ALFRED ZINTGRAFFs (1878-1944, Jurist und Diplomat), danach bis 1945 unter WILHELM CLASSENs (1903-?, Staatsphilosoph und Pädagoge), der bereits 1938 die stellvertretende Leitung der Auslandsabteilung übernommen hatte.
  • Das Volkskundliche Institut, das ab etwa 1925 nominell unter der Ägide EUGEN FEHRLEs (1880-1957, Altphilologe und Volkskundler) stand und in die 1935 gegründete “Lehrstätte für deutsche Volkskunde” der Universität überführt wurde.
  • Das Prähistorische Institut, dessen nomineller Leiter ERNST WAHLE (1889-1981) war, der offenbar jedoch nicht entsprechend aktiv wurde. Nach langen Bemühungen erreichte er 1934 die Etablierung seines Fachs an der Universität. Dabei wurde das Stiftungsinstitut in die universitäre “Lehrstätte für Frühgeschichte” überführt.
  • Mit der Universität Heidelberg gab es, über die genannten Institute hinaus, eine ganze Reihe weiterer Verflechtungen institutioneller und persönlicher Art. Zu nennen wären die Auslandsabteilung (DAAD), das Institut für Auslandskunde, das teilweise eigenständige Institut für Zeitungswissenschaften und das mit Kriegsende geschlossene Volks- und Kulturpolitische Institut.
  • Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB), Heidelberg, wirkte über die Linie der Auslandskunde in die Stiftungsführung hinein (namentlich: Zintgraff und Scheel).
  • Die Stadt Heidelberg war auf verschiedene Weise an der Entwicklung der Stiftung beteiligt (Mitgliedschaften im Kuratorium, Kultur- bzw. Museumspolitik, Liegenschaften, kommunale Steuern).

Maßgeblich für die Arisierung und teilweise Ausplünderung der Stiftung ab 1933 verantwortlich, waren einerseits die bereits kurz genannten Personen:

  • ALFRED ZINTGRAFF (Mitglied NSDAP) als Kuratoriumsmitglied und Stiftungsgeschäftsführer 1924-1935 sowie als Kuratoriumsvorsitzender 1935-1939.
  • WILHELM CLASSEN (Mitglied NSDAP und SS, 1941 Auswärtiges Amt, 1942 Referent im Oberkommando der Wehrmacht, nach dem Krieg u.a. für den BND tätig) als Stiftungsgeschäftsführer 1939-1945 und Kuratoriumsmitglied 1940-1945.
  • HANS HIMMEL (Mitglied SA und NSDAP, Leiter des Studentenwerks, Leiter des Fakultätsrats, Vizekanzler und Mitglied des “Führungsstabs” der Universität Heidelberg ab 1933) als Stiftungsrechner 1934-1940.
  • EUGEN FEHRLE (Mitglied NSDAP, 1933-1935 Ministerialrat/Hochschulreferent im badischen Kultusministerium) als Kuratoriumsmitglied 1935-1945 und Kuratoriumsvorsitzender 1939-1940.

Des weiteren zu nennen und nicht weniger wichtig waren:

  • GUSTAV ADOLF SCHEEL (1907-1979, Arzt, Mitglied SA, NSDAP und SS, Reichsstudentenführer, Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds, Ehrensenator der Universität Heidelberg seit 1936, seit 1935 verschiedene Ämter im Sicherheitsdienst/SD, Gauleiter von Salzburg seit 1941) als Kuratoriumsmitglied 1938-1945, Kuratoriumsvorsitzender 1940–1945.
  • HANS HERMANN ADLER (1891-1956, Zeitungswissenschaftler, 1933-1945 Leiter des Instituts für Zeitungswissenschaften der Universität Heidelberg, 1935 Leiter der Pressestelle der Universität, 1935-1945 Leiter der Auslandsabteilung der Universität Heidelberg), Kuratoriumsmitglied 1935-1945, übernahm gegen Kriegsende die Geschäftsführung der Stiftung.
  • CARL NEINHAUS (1888-1965, Jurist, Mitglied NSDAP, OB Heidelbergs 1928-1945 und 1952-1958, MdL Baden-Württemberg 1950-1960, 1952 Präsident der Verfassungsgebenden Landesversammlung und bis 1960 Präsident des Landtags), Kuratoriumsmitglied 1934-1945 und wieder ab 1955.
  • WILHELM GROH (1890-1964, Mitglied SA und NSDAP, Rektor der Universität Heidelberg 1933-1937, 1937-1945 Referent im Reichserziehungsministerium) als Kuratoriumsmitglied 1934-1940.
  • PAUL SCHMITTHENNER (1884-1963, Historiker, 1925-1933 Mitglied des badischen Landtags, Mitglied NSDAP und SS, 1938-1945 Rektor der Universität Heidelberg, 1940-1945 Badischer Kultusminister) als Kuratoriumsmitglied 1944-1945.
  • FERDINAND HERRMANN (1904-1974, Volkskundler, Mitglied NSDAP), Assistent der Ethnographischen Sammlung und des Instituts für Volkskunde 1931-1941, Leiter der ethnographischen Sammlung 1946-1969, Stiftungsrechner 1940/41, Referent am Deutschen Wissenschaftlichen Institut (DWI) in Sofia/Bulgarien 1941-1943 oder 1944, Mitglied des neu formierten Kuratoriums 1955-1969.

Das Netzwerk, das die Stiftung in Beschlag nahm und ihre Entwicklung bestimmte, lässt sich alternativ so darstellen:

  • Universität: G.A. Scheel und W. Classen (hierdurch Vernetzung zu SD/RSHA/OKW), W. Groh, P. Schmitthenner, E. Krieck (Rektoren), E. Fehrle (hierdurch zusammen mit Schmitthenner Vernetzung in die Badische Landesregierung), H.H. Adler.
  • Stiftung: A. Zintgraff, H. Himmel (vor 1933 in Stiftung, ab 1933 kollaborierend und in Universität kooptiert).
  • Stadt: C. Neinhaus.

Transparenz

In erster Linie möchten wir die Ergebnisse dieser Forschungen monographisch publizieren und auch in die geplante Festpublikation zum 100-jährigen Bestehen von Stiftung und Museum einbringen. Eine Reihe von Ausstellungskonzepten mit Bezug zum Forschungsprojekt sind z.Zt. angedacht.
Ferner wurde das Projekt, im Sinne einer Zwischenbilanz, der Öffentlichkeit im Rahmen der “Victor Goldschmidt Lectures” vorgestellt, der Reihe von jährlichen öffentlichen Festvorträgen des Völkerkundemuseums. Der Vortrag unter dem Titel “Das Schicksal der Stiftungssammlungen während der NS-Zeit” fand am 15. Nov. 2015 statt (dazu Bericht in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 17. Nov. 2015).
Am 22. Febr. 2016 wurde das Projekt ferner auf der Konferenz “Provenienzforschung und Kulturgutschutz” im Landesmuseum Stuttgart präsentiert (“Die Sammlungen der von Portheim-Stiftung und ihre ‘Verwertungen’ während der NS-Zeit”).
Gesonderte Aufsätze zu einzelnen interessanten Ergebnissen der Recherchen, die eher abseits der zentralen Fragestellung des Projekts liegen, sind zur Publikation vorbereitet, so ein Beitrag zur bewegten Objektgeschichte der paläolithischen Ritzzeichnung eines Pferdekopfs aus Laussel (Dordogne), zur Rekonstruktion einer mittelalterlichen Handschrift oder zum Einblattdruck-Katalog von Werner Cohn 1934 (s.u.).
Falls auf Basis der Ergebnisse des Projektes Restitutionen/Rückgaben von Objekten erfolgen sollten, werden wir dies gesondert publik machen.
Zudem wird die interne Dokumentation auf Anfrage auch externen Forschern zugänglich gemacht werden.

© Völkerkundemuseum der J. & E. von Portheim-Stiftung, September 2017