Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Recherchen zum Gemälde Lyonel Feininger "Kirche von Niedergrunstedt" 1919

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Berlinische Galerie Bundesland Berlin Website http://www.berlinischegalerie.de/Provenienzforschung Ansprechpartner
  • Wolfgang Schöddert
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionWissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung
    Telefon: +49 (0) 30 - 789 02 826
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilschoeddert@berlinischegalerie.de
Projekttyp Kurzfristiges Projekt aufgrund von aktuellem Recherchebedarf Förderzeitraum Projektlaufzeit
  1. Oktober 2008 bis Dezember 2008

Beschreibung

Am 27.2.2008 thematisierte der RBB in einem Fernsehbericht des Magazins KLARTEXT, dass das 1949 aus der Berliner Galerie Franz für das Land Berlin erworbene und seit Jahrzehnten von der Neuen Nationalgalerie betreute Gemälde „Kirche von Niedergrunstedt“ von Lyonel Feininger (WVZ-Hess 199) vermutlich NS-verfolgungs-bedingt veräußertes jüdisches Eigentum sei. Es hieß, der Ehemann der damaligen Besitzerin Maria Daus, einer Tochter der Berliner Sammlers und Kaufhausbesitzers Hermann Freudenberg, sei im April 1933 von Nationalsozialisten schwer misshandelt worden und die Familie habe im Anschluss daran die Emigration nach Palästina vorbereitet. Am 30.11.1933 erklärte Frau Daus dem Landesfinanzamt Berlin: „Außer der zur Gründung einer neuen Existenz in Palästina von der englischen Regierung verlangten RM 14.000 besitzen wir kein Vermögen. Das Geld liegt auf meinem Konto bei der Dresdner Bank, Berlin. Diese Summe wurde durch den Verkauf von Möbeln, Einrichtungsgegenständen und wertvoller Ölgemälde beschafft.“ Die Redakteure des Berichts gingen davon aus, dass eines dieser Ölgemälde die „Kirche von Niedergrunstedt“ ist. Die Prüfung dieser Vermutung durch einen Provenienzforscher der Berlinischen Galerie wurde das erste kurzfristig finanzierte Projekt der AfP.

Die nachfolgenden Recherchen orientierten sich an einem Aufkleber der Galerie Ferdinand Möller und dem schwach erkennbaren Namen „Freudenberg“ auf dem Keilrahmen des Gemäldes. Nachweislich hatte die Nationalgalerie in Berlin das Gemälde 1928 als Leihgabe von Frau Hermann Mayer-Freudenberg in der Ausstellung „Neuere Deutsche Kunst aus Berliner Privatbesitz“ aufgenommen und es noch einmal in der Ausstellung „Lyonel Feininger“ 1931 gezeigt. Der Katalog zu dieser Ausstellung nennt Maria Daus als Leihgeberin. Einer von ihr ausgestellten Vollmacht in Akten des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Folge, wurde das Gemälde am 6.2.1932 aus der Obhut der Nationalgalerie an einen ungenannten Boten übergeben. Ob das Gemälde durch diesen Boten an Maria Daus zurückgeliefert wurde oder es schon zu diesem Zeitpunkt in einen anderen Besitz überging, ist unbekannt. Der 6.2.1932 galt deshalb als das letzte bis dahin bekannte Datum, zu dem das Gemälde Maria Daus zugeordnet werden konnte.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Tiefenerschießung des Ferdinand-Möller-Archivs in den Künstler-Archiven der Berlinischen Galerie wurde ein auf den 2.1.1933 datiertes Schreiben von Ferdinand Möller an den jüdischen Sammler Max Fischer in Berlin recherchiert. Darin heißt es, dass Ferdinand Möller das Gemälde (hier irrtümlich „Kirche von Niedergermstädt“ genannt) an diesem Tag aus einer Ansichtssendung von Max Fischer zurückerhalten hat. Danach konnte das Gemälde also bereits im Dezember 1932 von Ferdinand Möller angeboten werden. In einem Dokumentenkonvolut aus der früheren Registratur der Galerie Ferdinand Möller fand sich darüber hinaus eine Karteikarte zur „Kirche von Niedergrunstedt“, rückseitig von Ferdinand Möller mit dem Vermerk beschriftet „verkauft 17.1.1933“.

Wer das Gemälde im Januar 1933 – noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten – erworben hat, konnte im Rahmen des Projekts nicht ermittelt werden. Ebenso wenig, wo es sich befand, bis es nach 1945 wieder in den Berliner Kunsthandel gelangte. Verschiedene sinnfällige Spuren wurden bis hin zur Ermittlung und Kontaktaufnahme zu Nachkommen damaliger Sammler und Händler verfolgt, führten allerdings zu keinem konkreten Ergebnis.

© Berlinische Galerie