Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

NS-Raubgut an der zentralen Universitätsbibliothek Rostock – systematische Recherche im Bestandszugang 1933 bis 1959

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Universitätsbibliothek Rostock Bundesland Mecklenburg-Vorpommern Website http://www.ub.uni-rostock.de/Suche nach NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Rostock Ansprechpartner Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Prüfung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. August 2014 bis Juli 2015
  2. August 2015 bis Juli 2016
  3. August 2016 bis Juli 2017

Beschreibung

Ausgangsfragen und Zielsetzungen des Projektes

Ziel des zweiten Projektjahres war:

  • die möglichst vollständige Ermittlung von NS-Raubgut in Beständen der UB Rostock anhand der abschließenden Durchsicht der Geschenk- und Tauschbücher der zentralen Universitätsbibliothek der Jahre 1933-19591 sowie die Ermittlung von NS-Raubgut in den Beständen der ehemaligen Institutsbibliotheken.
  • die Dokumentation der Ergebnisse der Nachforschungen für Forschung und Wissenschaft und die Verzeichnung der ermittelten Provenienzhinweise gemäß der etablierten Standards2 im Onlinekatalog der Universitätsbibliothek Rostock,
  • die Recherche von Erben oder Rechtsnachfolgern und Restitution der ermittelten Werke,
  • die Präsentation der Resultate der geleisteten Arbeit durch den Aufbau einer Internetpräsenz, Tagungsberichte und Publikationen.

Im noch laufenden dritten Projektjahr soll die Kontrolle der Bestände der ehemaligen Institutsbibliotheken auf NS-Raubgutverdachtsfälle möglichst vollständig abgeschlossen sein. Weiterhin werden aufgrund der Vielzahl ermittelter Verdachtsfälle die Arbeiten, vor allem im Bereich der Erbenrecherche, seit dem ersten Projektjahr weitergeführt.

Projekt in Zahlen

Im Rahmen des Projektes wurden bisher die Geschenk- und Tauschbücher der zentralen Universitätsbibliothek auf mögliche Raubgutverdachtsfälle (auffällige Titel, auffällige Lieferanten) untersucht. Die Geschenk- und Tauschbücher umfassen ca. 49.000 Einträge. Von rund 49.000 Einträgen konnten 4.574 als NS-Raubgut, mögliches NS-Raubgut, verdächtig oder unspezifisch eingestuft werden. Diese wurden in einer eigens konstruierten Arbeitsdatenbank erfasst. Von 4.574 Einträgen wurden bisher 3418 Titel in den Onlinekatalog der UB Rostock (OPAC) übertragen und sind somit für die Öffentlichkeit sichtbar.
Weiterhin wurde mit der Kontrolle der Bestände der ehemaligen Institutsbibliotheken begonnen. Da für die Fachbibliotheken keine verwertbaren Erwerbungsunterlagen vorhanden sind, musste die Kontrolle am Regal erfolgen. Von 6112 kontrollierten Titeln enthielten 1126 Bücher Provenienzen und wurden direkt im Onlinekatalog verzeichnet. Derzeit befinden sich also insgesamt 4544 NS-Raubgut Titel und mögliche NS-Raubgut-Titel (Ergebnisse der Kontrolle der Geschenk- und Tauschbücher und der Kontrolle der Bestände der ehemaligen Institutsbibliotheken) im Onlinekatalog der Universitätsbibliothek.
Gemäß dem Leitfaden3 erhielt jedes verdächtige Buch, das im OPAC sichtbar ist, eine Kennung. Die Kennung drückt den Grad des Raubgutverdachtes aus und ist ebenfalls im OPAC abgebildet. Unsere Recherchen erbrachten für die im OPAC abgebildeten Bücher folgende Ergebnisse:

Gemäß des Leitfadens3 erhielt jedes verdächtige Buch, das im OPAC sichtbar ist, eine Kennung. Die Kennung drückt den Grad des Raubgutverdachtes aus und ist ebenfalls im OPAC abgebildet. Unsere Recherchen erbrachten für die im OPAC fertig abgebildeten Bücher folgende Ergebnisse:

Kennung: kein NS-Raubgut – 101 Bücher
Kennung: wahrscheinlich kein NS-Raubgut – 34 Bücher
Kennung: unspezifisch – 2534 Bücher
Kennung: verdächtig – 1552 Bücher
Kennung: wahrscheinlich NS-Raubgut – 94 Bücher
Kennung: NS-Raubgut – 105 Bücher


124 weitere Titel wurden bereits im OPAC verzeichnet, jedoch ist dort die Provenienzerfassung noch ausstehend. Weiterhin müssen noch ca. 1156 Titel aus der eigens konstruierten Projektdatenbank im Onlinekatalog verzeichnet und auf vorhandene Provenienzmerkmale überprüft werden. Alle Bücher, die restituiert werden sollen, wurden digitalisiert und sind auf dem Rostocker Dokumentenserver verzeichnet. Die Provenienzen der Restitutionsbücher sowie die Kurzbiografien der dazugehörigen Personen sind zusätzlich im Provenienzwiki des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV)4 zu finden.

Grad des Raubgutverdachtes Grad des Raubgutverdachtes Quelle:  Universitätsbibliothek Rostock

Transparenz

Hauptziel des NS-Raubgut Projektes der Universitätsbibliothek Rostock ist neben der Restitution der Bücher an die Rechtsnachfolger die Schaffung eines breiten öffentlichen Bewusstseins für die Thematik. Die Öffentlichkeitsarbeit umfasst mehrere Aspekte.
Durch die enge Zusammenarbeit der Projektmitarbeiterinnen mit der Presse konnten innerhalb der Projektlaufzeit bisher mehrere Artikel, vor allem in regionalen Medien, sowohl als Print als auch digital veröffentlicht werden. Vor allem die durchgeführten Restitutionen weckten das Interesse der Medien.


Artikel in Zeitungen und Magazinen (Auswahl):

  • Universität Rostock gibt NS-Raubgut-Bücher an Erben zurück, in: Die Welt, 18.05.2016 (online).
  • Uni gibt Raubgut zurück, in: Norddeutsche Neueste Nachrichtungen, 19.05.2016.
  • Uni gibt NS-Raubgut zurück, in: Schweriner Volkszeitung, 19.05.2016 und Ostsee-Zeitung, 19.05.2016.
  • Time Travelers, Using a Family Tree For a Road Map, in: The New York Times, 30.07.2016.
  • Geraubte Bücher kehren heim, in: NORDART. Das Zeitgeistmagazin, 1, 2016, S. 46 f.
  • Bücher an Erben zurückgegeben. Forschung zu NS-Raubgut an Rostocker Unibibliothek um ein Jahr verlängert, in: NORDART. Das Zeitgeistmagazin, 3, 2016, S. 49.

Neben der Veröffentlichung von Artikeln nimmt die verbale Form des Informationsaustausches einen zentralen Raum ein. Im zweiten Projektjahr ist die Möglichkeit wahrgenommen worden, die Provenienzforschung an der UB Rostock im Rahmen der Vorlesungsreihe „Bibliotheken, Archive, Museen – Institutionen der Erinnerungskultur“ in Form einer 90-minütigen Vorlesung insbesondere den Studierenden der geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen nahezubringen. Die Vorlesungsreihe wird jedes Jahr wiederholt, auch im dritten Projektjahr gestaltet das Projektteam erneut eine Veranstaltung im Rahmen der Vorlesung. Die Suche nach NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Rostock ist als festes Thema in der Vorlesung etabliert.
Darüber hinaus wurden weitere Vorträge sowohl im Rahmen universitätsnaher Veranstaltungen als auf außeruniversitären Tagungen gehalten.

Vorträge:

  • Ringvorlesung „Bibliotheken, Archive, Museen – Institutionen der Erinnerungskultur“ in Rostock: „Suche nach NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Rostock“ (Lisa Adam, Dr. Antje Strahl, 13.01.2016.
  • Feierliche Restitution an der Universität Rostock: „NS-Raubgut in den Beständen der Universitätsbibliothek Rostock“ (Dr. Antje Strahl), 18.05.2016.
  • Konferenz „Adler und Stier. 200 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Mecklenburg-Schwerin und den Vereinigten Staaten von Amerika“ in Schwerin: „Endstation Rostock. Wie die Universitätsbibliothek zur neuen Anlaufstelle in Mecklenburg-Vorpommern für die Nachfahren emigrierter Juden wird. Ein Werkstattbericht aus dem NS-Raubgut-Projekt“ (Dr. Antje Strahl), 27.05.2016.

Höhepunkt des zweiten Projektjahres war die öffentlich durchgeführte Restitution im Rahmen einer von der Bibliothek organisierten Festveranstaltung. Erstmals wurden persönlich neun Bände an Frau Audrey Goodman, die Erbin der Vorbesitzer, zurückgegeben. Audrey Goodman reiste auf Einladung der Universität Rostock aus Glen Rock (New Jersey) an. Ein Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks begleitete die Vorbereitung und Durchführung der öffentlichen Restitution. Neben dieser öffentlichen Restitution wurden vier weitere Restitutionen an Rechtsnachfolger oder Erben durchgeführt, entweder wurden die Bücher persönlich übergeben oder wurden auf dem Postweg versandt.
In diesem Zusammenhang sind folgende Beiträge entstanden:

Radiobeitrag:

  • Radiobeitrag anlässlich der feierlichen Restitution, NDR1 Radio M-V, 18.05.2016.

Fernsehbeiträge:

  • „Land und Leute“ (NDR), 20.05.2016.
  • „Zeitreise“ im Nordmagazin (NDR), 22.05.2016.

Durch die Einrichtung einer Projektseite5 und die öffentliche Präsentation der Provenienzen im Onlinekatalog der Universitätsbibliothek sowie im gemeinsamen Verbundkatalog des GBV wird eine ständige und dauerhafte Transparenz der Forschungsergebnisse gewährleistet. Die Internetseite und der Onlinekatalog werden fortwährend durch aktuelle Forschungsergebnisse erweitert. Über durchgeführte Restitutionen soll auf der Homepage der Universitätsbibliothek Rostock informiert werden.

[1] Das Jahr 1959 wurde deshalb gewählt, weil auch nach Ende des 2. Weltkrieges Raubgut an die UB-Rostock gelangt sein kann und formal der erste Alphabetische Zettelkatalog 1959 endet.

[2] Empfehlungen zur Provenienzverzeichnung der Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke (AAD) beim GBV, http://aad.gbv.de/empfehlung/aad_provenienz.pdf .

[3] Albrink, Veronika; Babendreier, Jürgen und Bernd Reifenberg (Bearb.): Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken, Stand: März 2005, https://www.uni-marburg.de/bis/ueber_uns/projekte/raubkunst/texte/leitfaden . Zitiertitel: LEITFADEN

Veröffentlichung

[4] Provenienzwiki : Plattform für Provenienzforschung und Provenienzerschließung. Gemeinsamer Bibliotheksverbundes (GBV). [Link]

[5] Recherche nach NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Rostock. Internetseite. Universitätsbibliothek Rostock. [Link]

© Universitätsbibliothek Rostock, September 2016