Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR

Unabhängig von der Rechtslage besteht auch fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR Bedarf an systematischer Erforschung des Entzugs von Kulturgut zwischen 1945 und 1990. Die historischen Vorgänge und Strukturen sind ebenso ungenügend aufgearbeitet, wie die Methoden beteiligter Behörden, Institutionen und Akteure, wie die Geschichte der Opfer bzw. der Geschädigten staatlich betriebener Kunst- und Kulturgutentziehungen.

Der Stiftungsrat des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste hat deshalb am 06.02.2017 und erneut am 18.12.2017 einer finanziellen Förderung der Grundlagenforschung für die Jahre 2017 und 2018 zugestimmt.

Auf dieser Handlungsgrundlage ist das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste bisher 5 Kooperationen eingegangen. Sie sollen Strukturen organisierter Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR herausarbeiten (Methoden, Akteure, Betroffene, Objektgruppen, Ziele), die Archivsituation ermitteln helfen (Umfang, Standorte, Möglichkeiten/Schwierigkeiten der Recherche), die wichtigsten Aktenbestände erschließen und eine Basis zur Einordnung/Evaluierung späterer Einzelfallforschungen schaffen.

Die Finanzierung der Kooperationsprojekte ist mit einem jährlichen Betrag in Höhe von 250.000 Euro vom Stiftungsrat des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ermöglicht worden. Diese Summe stand zusätzlich zum Fördervolumen für NS-Provenienzforschung zur Verfügung.


I. Grundlagen

Fördergrundlage zur Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR

Grundlinien zur Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR (PDF, 58 KB)

Pressemitteilung zum Start der Pilotprojekte zur Grundlagenforschung über Kulturgutverluste in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR


II. Projekte

2017



1. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden

Projekt: „Die MfS-Aktion ‚Licht‘ 1962“
Laufzeit: 24 Monate (ab 01.09.2017)
erstmalige Kooperation

Im Rahmen einer Kooperation mit dem HAIT wird die sogenannte „Aktion Licht“ wissenschaftlich aufgearbeitet. Bei dieser geheimen Aktion des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) wurden im Januar 1962 seit 1945 noch verschlossene Tresore, Depots, Gewölbe und Keller nichtprivater Liegenschaften (z.B. Banken) geöffnet und geleert.

Der Inhalt (z.B. Schmuck, Münzen, Wertpapiere, Briefmarken, Kunstwerke aller Art, Noten, Autographen, Dokumente) wurde auf unterschiedlichste Art verwertet. Informationen über Anlass, Ablauf und Akteure, vor allem aber Art, Umfang und Schicksal der dabei gefundenen Kulturgüter, die Aktenlage und die Möglichkeiten, heute noch den Herkunftsverlauf von beschlagnahmtem Kulturgut zu ermitteln, sollen zum Ende des Projektes erstmals für die Forschungsgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden.



2. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Projekt: „Erstellung eines Spezialinventars für ausgewählte Aktenbestände des MfS zu Entziehungen von Kunst- und Kulturgut in SBZ und DDR unter dem Aspekt der Provenienzforschung“
Laufzeit: September 2017 bis Februar 2018; April 2018 bis September 2019
erstmalige Kooperation

In einem Kooperationsprojekt mit dem BStU wird ein Spezialinventar entstehen, das ausgewählte Aktenbestände des MfS zur Entziehung von potentiellem Kunst- und Kulturgut in SBZ und DDR auf die Bedürfnisse der Provenienzforschung abgestimmt erfasst.

Die Ergebnisse werden in einem sogenannten „Findbuch“ in gedruckter und elektronischer Form als Recherchewerkzeug zur Verfügung stehen. Es soll einen schnellen Zugriff auf Aktenbestände zum Umgang des MfS mit Kulturgütern (Entzug, Lagerung und Transfer) ermöglichen. Eine Besonderheit dieser Kooperation ist die Nutzung vorhandener Kompetenzen: Die archivalische Erschließung erfolgt durch Mitarbeiter des Stasi-Unterlagen-Archivs, inhaltlich-wissenschaftliche Vorschläge werden durch Mitarbeiter des Zentrums erarbeitet.



3. Museumsverband des Landes Brandenburg e.V.

Projekt: „Zwischen Schlossbergung und Kommerzieller Koordinierung. Pilotprojekt zur Untersuchung kritischer Provenienzen aus der Zeit der SBZ und DDR in brandenburgischen Museen“
Laufzeit: 9 Monate (ab 01.10.2017)
erstmalige Kooperation

Im Rahmen einer Kooperation werden durch eine Pilotstudie in vier brandenburgischen Museen einzelne Objekte bzw. Bestände hinsichtlich kritischer Provenienzen aus der Zeit zwischen 1945 und 1990 untersucht. Hauptziel ist es zunächst, die Wege zu beschreiben, auf denen die betreffenden Objekte in die Museen gelangten oder aus ihnen entfernt wurden. Außerdem sollen auch nach 1990 erfolgte Rückgaben und Entschädigungen beschrieben werden.

Um die Vorgänge auf verschiedenen Verwaltungsebenen (Bezirk, Kreis, Stadt, Museum) nachvollziehen zu können, wurden als Fallbeispiele ein ehemaliges Bezirksmuseum der DDR (Frankfurt/Oder), zwei Kreismuseen (Eberswalde, Neuruppin) sowie ein „einfaches“ Stadtmuseum (Strausberg) ausgewählt. Die betreffenden Museen haben ihr Einverständnis erklärt, und es wurde vorab gesichert, dass ausreichendes Archivmaterial in den Museen, Stadt- und Kreisarchiven vorliegt und zugänglich ist. Recherchen werden auch auf Landesebene (Brandenburgisches Landeshauptarchiv) und im Bundesarchiv Berlin, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) durchgeführt.


2018



1. Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Projekt: „Die Moritzburg in Halle (Saale) als zentrales Sammellager für Kunst- und Kulturgut, das in der Provinz Sachsen durch die sogenannte Bodenreform enteignet und entzogen wurde“
Laufzeit: 24 Monate (ab 01.09.2018)
erstmalige Kooperation

Am 3. September 1945 erließ die Landesverwaltung der Provinz Sachsen eine Verordnung über die Bodenreform. Die damit angestrebte „Liquidierung des feudal-junkerlichen Großgrundbesitzes“ sollte die „Herrschaft der Junker und Großgrundbesitzer“ beseitigen. In der Provinz Sachsen wurden daraufhin über 2.200 Güter enteignet. Die Besitzer waren meist geflohen oder ausgewiesen worden. Das in den Schlössen und Gutshäusern zurückgelassene Inventar – Kunstwerke wie Gemälde und Skulpturen, aber auch Möbel, Waffen, Bibliotheken und Archive – galt nun als „herrenlos“. Um es vor Zweckentfremdung, Zerstörung und Diebstahl zu schützen, wurde es zunächst unter den besonderen Schutz der Provinz gestellt, in Sammeldepots eingelagert und dort magaziniert. Das Hauptdepot für diese „Kulturgutsicherstellung“ in der Provinz Sachsen/Land Sachsen-Anhalt befand sich in der Moritzburg in Halle (Saale), die Schlösser in Wernigerode und Beichlingen dienten als dessen Außenstellen.

In dem auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekt soll am Beispiel der Moritzburg der Umgang mit Kunst- und Kulturgut, das infolge der sogenannten Bodenreform enteignet wurde, auf breiter Quellengrundlage erforscht und in einer Pilotstudie dargestellt werden. Die Fragestellung richtet sich auf den Verlauf und den quantitativen Umfang der „Sicherstellung“, die daran beteiligten Akteure, schließlich auf die museale Nutzung, die Vernichtung und die kommerzielle Verwertung der Objekte auf dem internationalen Kunstmarkt.



2. Stiftung Deutsches Historisches Museum

Projekt: „Repräsentative Studie zu den Übergaben staatlicher Institutionen und Organisationen an das Museum für Deutsche Geschichte der DDR“
Laufzeit: 24 Monate (ab 01.10.2018)
erstmalige Kooperation

Die repräsentative Studie hat zum Ziel, einen der umfänglichsten Wege des Objekterwerbs in das staatlich gelenkte Geschichtsmuseum der DDR zu beleuchten. Im Fokus sind dabei die Überweisungen staatlicher Institutionen an das Nationalmuseum der DDR, dem Museum für Deutsche Geschichte (MfDG), dessen Bestände seit 1990 Teil der Sammlung des Deutschen Historischen Museums (DHM) sind.

Fragen nach dem Zusammenhang möglicher Objekterwerbungen mit den Enteignungen der Eigentümer von Schlössern und Grundbesitz während der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wie auch mit Republikflucht und angestrengten Steuerprozessen in der Zeit der DDR sollen nachgegangen – und nach Möglichkeit beantwortet – werden. Die Entschlüsselung der Netzwerke der Akteure ist dabei fundamental, um Mechanismen der Objektbewegungen nachvollziehen zu können. Eine Untersuchung dieser grundlegenden Fragen fehlt bislang, ist aber entscheidend für zukünftige, vertiefende Einzelfallforschungen am DHM, aber auch an anderen Museen der ehemaligen DDR. Eine solche Untersuchung lässt letztlich Rückschlüsse für die Objektwege auch anderer, kleinerer und regional situierter Museen in der DDR zu.

Die Studie wird Aufschluss über Quellenlage und Aktensituation der stiftenden Institutionen und damit auch Aufschluss über die Möglichkeiten künftiger Provenienzforschung an solchen und ähnlichen Beständen geben. Außerdem werden ihre Ergebnisse als exemplarisch für die Strukturen der staatlich gelenkten Erwerbungswege für Museen in der DDR gelten können.


III. Berichterstattung

„Konststölder i DDR kartläggs“ in: Kulturnytt (29.05.2017), Hörbeitrag des Sveriges Radio, Länge 8:02 Minuten.

„Enteignung von Kulturgütern in der DDR wird erforscht. Weg beschlagnahmter Kunstwerke soll geklärt werden“ in: Kulturnachrichten (01.09.2017), Hör- und Online-Beitrag des Deutschlandfunk Kultur.

„Provenienzforschung. Pilotprojekt zu ‚Aktion Licht‘“ in: Neues Deutschland (02.09.2017), Online-Ausgabe.

„Kunst aus DDR-Tresoren. Ein neues Kapitel in der Raubkunst-Forschung. Gilbert Lupfer im Gespräch mit Britta Bürger“ in: Fazit – Kultur vom Tage (03.09.2017), Hörbeitrag des Deutschlandfunk Kultur, Länge 7:19 Minuten.

„Kulturgutverluste. ‚Klarheit über den Umfang dieser Enteignungen erhalten‘. Gilbert Lupfer im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske“ in: Kultur heute (04.09.2017), Hörbeitrag des Deutschlandfunks, Länge 5:22 Minuten.

Andreas Förster: „DDR-Raubkunst. Als die Stasi Hunderte Tresore und Bankschließfächer plünderte“ in: Berliner Zeitung (27.09.2017), Online-Ausgabe.

Andreas Förster: „Plündern für Devisen“ in: Sächsische Zeitung (06.10.2017), S. 3. [online verfügbar]

Mathias Deinert: „Die Forschung zu Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR. Aufgaben und Möglichkeiten des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste“ in: Museumsblätter – Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg, Heft 31 (Dezember 2017), S. 82–87.

Mathias Deinert: „Kulturverluste in SBZ und DDR. Drei Pilotprojekte zur Grundlagenforschung“ in: Provenienz & Forschung, Heft 01/2018, S. 66 f.