Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Fördergrundlage zur Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR

Am 22.01.2015 beschloss der Stiftungsrat, dass der Vorstand den Auftrag erhält, unter Beteiligung der Kultusminister und Kultusministerinnen der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erste Grundlinien für ein Förderkonzept zu Forschungen für im Zusammenhang mit Verfolgungs- und Willkürmaßnamen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR entzogenen oder abhanden gekommenen Kulturgütern zu entwerfen.

Im Ergebnis eines Brainstormings, zu dem das Zentrum am 28. Oktober 2015 in Berlin eingeladen hatte, wurde zur Vorbereitung dieser Grundlinien unter Führung des Zentrums eine Arbeitsgruppe gebildet, die auch Ideen für die Konferenz „Entziehungen von Kulturgütern in SBZ und DDR“ vom 21. November 2016 in Berlin zusammentrug.

Hiernach zeigte sich, dass mehr als 25 Jahre nach Ende der DDR grundlegende Desiderata hinsichtlich der systematischen Erforschung der historischen Vorgänge, der Strukturen und Methoden, der beteiligten Behörden und Institutionen sowie zu den Akteuren und insbesondere auch zu den Opfern bzw. Geschädigten des staatlich betriebenen Entzugs von Kunst- und Kulturgut zwischen 1945 und 1989 bestehen.

Zu mehreren Themen fehlt es sowohl an Fallstudien als auch auch an Übersichtsdarstellungen, beispielsweise zum Aspekt der „Schlossbergung“, also dem „Leerräumen“ von Gutshäusern und Schlössern im Rahmen der Bodenreform in der SBZ.

Weitergehend sind die Defizite der Forschungen zur Geschichte der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialpolitik der DDR, die in ihren Folgen zu einer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Geringschätzung des privaten Sammelns von Kunst- und Kulturgut auf der einen Seite führte, um andererseits die willkürlich und unrechtmäßig entzogenen Sammlungsgegenstände dem Export in das nichtsozialistische Ausland und in die Bundesrepublik zum Zwecke der Devisenerwirtschaftung zuzuführen. Hier sind Studien nötig, die über die vorhandenen Publikationen zu den Praktiken der Kriminalisierung von Kunsthändlern und -sammlern in der DDR und den Verkauf der eingezogenen Gegenstände durch den „Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo)“ und speziell die „Kunst- und Antiquitäten GmbH (KuA)“ hinausgehen.

Der grundlegende Forschungsbedarf besteht in der Rekonstruktion der Aufbau- und Ablauforganisation zur Entziehung und Verwertung von Kunst- und Kulturgut in der DDR von der zentralen über die bezirkliche zur Kreisebene: Welche Partei- oder staatliche Leitung hatte welche Entscheidungsbefugnis, welches „Staatsorgan“ führte die Entziehung durch, welcher staatliche Betrieb wurde mit dem Verkauf und der Erlöserwirtschaftung beauftragt und welche Rolle spielten Experten aus dem Museums-, Bibliotheks- und Universitätsbereich?

Vor diesem Hintergrund sind als erste Maßnahmen zunächst vorgesehen:

  1. Grundlagenforschung: Als stellvertretende Beispiele sollen die 1962 durchgeführte „Aktion Licht“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Öffnung von Panzerschränken, Wertpapierdepots und Schließfächern in nahezu allen Banken in der DDR, zu denen es in der Regel keine erkennbaren Besitzer gab) und die Geschichte der Tresorverwaltung des Ministeriums für Finanzen der DDR unter besonderer Berücksichtigung ihrer Rolle bei der Zuweisung von enteignetem, beschlagnahmtem oder als „herrenlos“ angesehenem Kunst- und Kulturgut erforscht werden. Angedacht ist hier ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gemeinsam mit einem zeithistorischen Forschungsinstitut. Hier sollen die Strukturen und die Mechanismen exemplarisch untersucht werden. Erst wenn sie bekannt sind, können individuelle Fälle eingeordnet werden.

  2. Erforschung der Sammlungsgeschichte öffentlicher Einrichtungen mit dem Schwerpunkt der Überprüfung der Erwerbungen und Zuweisungen zwischen 1945 und 1989: Durchführung von Pilotprojekten mit ausgewählten Museen und Bibliotheken zur Erstellung einer repräsentativen Studie zu Art und Umfang von Erwerbungen und Zuweisungen in dem genannten Zeitraum. Die Pilotprojekte sollen beleuchten, ob die Erwerbungen und Zuweisungen zwischen 1945 und 1989 nach heutiger rechtlicher und moralisch-ethischer Auffassung als potenziell oder faktisch unrechtsbehaftet anzusehen sind.

  3. Archive: Fortsetzung der Kooperation des Zentrums und der Arbeitsgemeinschaft „Kulturgutverluste SBZ/DDR“ mit dem Bundesarchiv hinsichtlich des fachliches Austausches zur Erschließung der Aktenbestände des „Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo)“ und speziell der „Kunst- und Antiquitäten GmbH (KuA)“. Bei der Erstellung von Findbüchern und weiterer Findmittel zu diesen Beständen im Bundesarchiv werden die Erfordernisse und Erfahrungen der Provenienzforschung berücksichtigt (Grad der Tiefenerschließung).

In Zusammenarbeit mit der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) wird eine Erschließung der Bestände im Archiv der BStU hinsichtlich der vorhandenen Informationen zur Entziehung von Kunst- und Kulturgut im Zusammenhang mit Maßnahmen politischer Verfolgung in der DDR durchgeführt. Ziel ist es, auch hier Findmittel zu erstellen, um strukturelle und organisatorische Voraussetzungen für die Provenienzforschung an Museen, Bibliotheken und weiteren öffentlichen Einrichtungen zu schaffen.

Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind und Erkenntnisse zur Aufbau- und Ablauforganisation der staatlich organisierten unrechtmäßigen Entziehung von Kunst- und Kulturgut in der DDR vorliegen, erscheint eine Projektförderung zur Prüfung von Beständen in öffentlichen Einrichtungen sinnvoll und Erfolg versprechend.

Grundlinien zur Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR (PDF, 58 KB)