Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Zusatzinformationen

Zentrale Begriffsbestimmungen

NS-Raub­gut

(Vor­be­mer­kung: Der Be­griff ist na­tio­nal bzw. in­ter­na­tio­nal nicht (ju­ris­tisch) ver­bind­lich de­fi­niert.)

1. Ein Kul­tur­gut ist re­gel­mä­ßig ein Ge­gen­stand von his­to­ri­scher, künst­le­ri­scher oder an­de­rer kul­tu­rel­ler bzw. iden­ti­täts­s­tif­ten­der Be­deu­tung wie et­wa ein Kunst­werk oder ein Buch. Auch (ehe­ma­li­ge) All­tags­ge­brauchs­ge­gen­stän­de (bspw. Tel­ler­ser­vice) kön­nen nach meh­re­ren Jahr­zehn­ten als Kul­tur­gut be­trach­tet wer­den. Im Zu­sam­men­hang mit NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nem Kul­tur­gut wird der Be­griff weit ge­fasst. Be­deu­tend ist die Her­kunft und das Schick­sal des be­raub­ten Ei­gen­tü­mers und nicht der ma­te­ri­el­le oder (kunst-)his­to­ri­sche Wert des Ge­gen­stan­des.

2. Im Hin­blick auf den NS-ver­fol­gungs­be­ding­ten Ent­zug wur­den in der Hand­rei­chung (PDF, 543 KB) in Form ei­ner "Ori­en­tie­rungs­hil­fe" die fol­gen­den lei­ten­den Über­le­gun­gen zur Prü­fung ei­nes ver­fol­gungs­be­ding­ten Ent­zugs for­mu­liert: (1.) Wur­de der An­trag­stel­ler bzw. sein Rechts­vor­gän­ger in der Zeit vom 30. Ja­nu­ar 1933 bis zum 8. Mai 1945 aus ras­si­schen, po­li­ti­schen, re­li­gi­ösen oder welt­an­schau­li­chen Grün­den ver­folgt? (2.) Er­folg­te im maß­geb­li­chen Zeit­raum ein Ver­mö­gens­ver­lust durch Zwangs­ver­kauf, Ent­eig­nung oder auf sons­ti­ge Wei­se und wie ist die Be­weis­last­ver­tei­lung hin­sicht­lich der Ver­fol­gungs­be­dingt­heit des Ver­lus­tes? (3.) Kann die Ver­mu­tungs­re­ge­lung bei rechts­ge­schäft­li­chen Ver­lus­ten durch den Nach­weis wi­der­legt wer­den, dass der Ver­äu­ße­rer ei­nen an­ge­mes­se­nen Kauf­preis er­hal­ten hat und dass er über ihn frei ver­fü­gen konn­te und (bei Ver­äu­ße­run­gen ab dem 15. Sep­tem­ber 1935 – mit der Ver­kün­dung der sog. „Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze“, die zu ei­ner wei­te­ren tat­säch­li­chen, po­li­ti­schen und recht­li­chen Ver­schär­fung der Ver­fol­gung auch jü­di­scher Mit­bür­ger führ­ten) dass der Ab­schluss des Rechts­ge­schäf­tes sei­nem we­sent­li­chen In­halt nach auch oh­ne die Herr­schaft des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus statt­ge­fun­den hät­te oder die Wah­rung der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen des Ver­folg­ten in be­son­de­rer Wei­se und mit we­sent­li­chem Er­folg vor­ge­nom­men wur­de, z. B. durch Mit­wir­kung bei ei­ner Ver­mö­gens­über­tra­gung ins Aus­land? Als NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­gen gel­ten auch Kunst­ge­gen­stän­de, die oh­ne phy­si­schen Zwang aus ei­ner wirt­schaft­li­chen Not­la­ge her­aus ver­äu­ßert wur­den, un­ab­hän­gig da­von, ob die Ver­äu­ße­rung in­ner­halb des Deut­schen Reichs oder im Aus­land statt­ge­fun­den hat (sog. „Flucht­gut“).

Beu­te­gut

„Beu­te­gut“ im Zu­sam­men­hang mit dem Zwei­ten Welt­krieg liegt vor, wenn ein Kul­tur­gut im Krieg oder in­fol­ge der krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen wi­der­recht­lich ent­zo­gen bzw. ver­bracht oder ver­la­gert wur­de. Bei dem Kul­tur­gut wird es sich um ei­nen Ge­gen­stand von his­to­ri­scher, künst­le­ri­scher oder an­de­rer kul­tu­rel­ler bzw. iden­ti­täts­s­tif­ten­der Be­deu­tung wie et­wa ein Kunst­werk oder ein Buch han­deln. Aber auch All­tags­ge­brauchs­ge­gen­stän­de (z. B. Be­ste­cke) kön­nen nach meh­re­ren Jahr­zehn­ten als Kul­tur­gut be­trach­tet wer­den. Recht­lich maß­geb­lich ist un­ter an­de­rem Art. 56 der Haa­ger Land­kriegs­ord­nung von 1907.

Pro­ve­ni­enz­for­schung

Das Wort Pro­ve­ni­enz stammt vom La­tei­ni­schen pro­ve­ni­re und be­deu­tet „her­vor­kom­men, ent­ste­hen“. Die Pro­ve­ni­enz­for­schung (auch Pro­ven­ienz­re­cher­che, Pro­ve­ni­en­zer­schlie­ßung oder Her­kunfts­for­schung) un­ter­sucht die Her­kunft und ver­schie­de­nen Be­sit­zer­ver­hält­nis­se ei­nes Kul­tur­guts. Sie ist ei­ne Teil­dis­zi­plin ins­be­son­de­re der Kunst­ge­schich­te, wird aber auch von an­de­ren wis­sen­schaft­li­chen Be­rei­chen be­trie­ben. Die Pro­ve­ni­enz­for­schung ge­hört zu den Kern­auf­ga­ben je­der kul­tur­gut­be­wah­ren­den In­sti­tu­ti­on.

Mit den Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en und der Ge­mein­sa­men Er­klä­rung wur­de die Not­wen­dig­keit der Pro­ve­ni­enz­for­schung ins­be­son­de­re im Be­reich "NS-Raub­gut" na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal un­ter­stri­chen.