Website of the German Lost Art Foundation

Zweifelhafte Provenienzen im Bestand der Stadtbibliothek Hannover

funding area Nazi confiscated art Grant recipient Stadtbibliothek Hannover State Lower Saxony Website NS-Raubgut-Forschung Contact person
  • Dr. Carola Schelle-Wolff
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionProjektverantwortliche
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAil41@hannover-stadt.de
  • Jenka Fuchs, M.A.
    Projektbericht_Ansprechpartner_FunktionProjektbearbeitung
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilJenka.Fuchs@hannover-stadt.de
Project type Long-term project to systematically investigate collection holdings Funding duration
  1. August 2017 to July 2018
  2. August 2018 to July 2019
  3. October 2019 to October 2020

Description

Ausgangslage und Zielsetzung des Projekts

Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, in den Beständen der Stadtbibliothek Hannover vorhandenes NS-Raubgut ausfindig zu machen, dieses auf Spuren von Vorbesitzern hin zu überprüfen und zu dokumentieren. Weiter geht es darum, die als Raubgut identifizierten Bücher, wo dies möglich ist, an ihre rechtmäßigen Eigentümer bzw. deren Erben oder Rechtsnachfolger zu restituieren.

Nachdem in der Stadtbibliothek Hannover in Folge der Verabschiedung der Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung seit Anfang der 2000er Jahre erste stichprobenartige Bestandsprüfungen vorgenommen worden sind, sucht die Einrichtung mit dem laufenden Projekt erstmals systematisch in ihren Beständen nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Objekten.

Die Stadtbibliothek Hannover ist nach der Stadtbibliothek Bautzen und der Stadtbibliothek Nürnberg die dritte Öffentliche Bibliothek in Deutschland, die ihre Bestände systematisch auf NS-Raubgut hin überprüft. Ein Ziel des Projekts der Stadtbibliothek Hannover ist es daher auch, die Spezifika des bisher im Rahmen der NS-Raubgut-Forschung wenig beachteten Bibliothekstyps Volksbibliothek bzw. Öffentliche Bibliothek näher in den Blick zu nehmen.

Zeitlich konzentriert sich die Überprüfung zunächst auf Zugänge aus den Jahren 1945 bis 1955 (insgesamt 96.363 Inventarnummern). Grund für die Wahl dieses Untersuchungszeitraums ist vor allem ein pragmatischer:

Infolge der alliierten Luftangriffe auf Hannover am 8./9. Oktober 1943 sind etwa 100.000 von 180.000 Büchern im Gesamtbestand der Stadtbibliothek verbrannt, darunter auch NS-Raubgut. Die Zahl des heute noch vorhandenen Raubguts dürfte daher bei der Literatur, die nach Kriegsende z. B. durch Übernahmen von aufgelösten nationalsozialistischen Einrichtungen oder über den Antiquariatshandel in den Stadtbibliotheksbestand gelangt ist, um ein Vielfaches höher sein.

Gleichwohl ist es ein Desiderat, die u. a. von Veronica Albrink 2006 formulierte These zu überprüfen, dass die Stadtbibliothek Hannover in der NS-Zeit unter Leitung des damaligen Direktors Friedrich Busch (1891–1974) eine Haupt-Profiteurin bei der ‚Verwertung’ geraubter Bücher durch die Lokalbehörden war. Ein entsprechendes Projekt zur Untersuchung der Stadtbibliotheksbestände aus der Zeit 1933 bis 1945 könnte nach Abschluss der laufenden Untersuchungen der Nachkriegszugänge durchgeführt werden.

Untersuchungsschwerpunkte                                                                                                                                                

Der Fokus der derzeitigen Untersuchungen liegt auf zwei Zugangsgruppen der frühen Nachkriegszeit, die auf Grund der Lieferantenangaben in den Zugangsbüchern der Stadtbibliothek als besonders raubgutverdächtig einzustufen sind: „Geschenke“ der Gestapo von 1945 sowie eine 1946 getätigte Übernahme vom Archiv und Museum des NSDAP-Gaus Südhannover-Braunschweig.

Weitere verdächtige Zugänge der Jahre 1945 bis 1955, von denen erste Stichproben untersucht wurden, sind z. B. „alter Bestand“, Exemplare aus der „Alfred-Rosenberg-Bücherspende für die deutsche Wehrmacht“, antiquarische Erwerbungen sowie Geschenke von unbekannt und privat.

Das Projekt in aktuellen Zahlen

Bis dato (Stand September 2019) konnten 3.484 Bücher überprüft werden. Davon sind 1.236 Bände auf Grund der Lieferantenangaben und/oder vorhandener relevanter herkunftsanzeigender Spuren wie z. B. Autogrammen, Stempeln oder Exlibris als NS-Raubgut-verdächtig einzustufen. Dies entspricht einer Quote von rund 35%. Von den verdächtigen Bänden tragen 1021 Provenienzhinweise, die konkrete Rückschlüsse auf frühere Besitzer zulassen. In 30 Fällen konnte der Raubgut-Verdacht bereits eindeutig bestätigt werden. In momentan 930 Fällen sind zur Provenienzklärung umfangreiche weitere Recherchen erforderlich. In 7 der 30 eindeutigen NS-Raubgut-Fälle konnten die rechtmäßigen früheren Eigentümer bzw. deren Erben bereits erfolgreich ermittelt und die Bücher an diese zurückgegeben werden.

Transparenz

Die Ergebnisse des Projekts werden kontinuierlich öffentlich transparent gemacht, u. a. durch die Publikation von Aufsätzen, die Platzierung von Projektinformationen auf der Website der Stadtbibliothek Hannover und im Zuge der Kooperation mit Fachkollegen. Eine öffentliche Dokumentation der im Rahmen des Projekts erhobenen Forschungsdaten erfolgt in der kooperativen Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets (http://lootedculturalassets.de).

Publication

Jenka Fuchs: Spurensuche in der Stadtbibliothek Hannover. Forschungen zu NS-Raubgut in Erwerbungen nach 1945, in: O-Bib. Das offene Bibliotheksjournal 6/2 (2019), S. 1-16, https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H2S1-16

Exhibition

„Spuren der Verfolgung. Provenienzforschung in den kulturhistorischen Sammlungen der Landeshauptstadt Hannover“ (6.12.2018 – 16.6.2019, Museum August Kestner, Hannover) [Link]

© Stadtbibliothek Hannover, October 2019