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Arisierung und Neukonzeption. Die Sammlungspolitik des Städtischen Museums Göttingen zwischen 1935 und 1939

funding area Nazi confiscated art Grant recipient Städtisches Museum Göttingen State Lower Saxony Website http://www.museum.goettingen.de/Arisierung und Neukonzeption - Die Sammlungspolitik des Städtischen Museums Göttingen zwischen 1935 und 1939 Lost Art-Report to the Found-Object Reports of the institution Contact person Project type Long-term project to systematically investigate collection holdings Funding duration
  1. July 2017 to June 2018
  2. July 2018 to August 2020

Description

Das dreijährige Provenienzforschungsprojekt unterzog die Provenienzen von 5.955 zwischen 1933 und 1945 eingegangenen Erwerbungen einer systematischen Untersuchung. Die Verifizierung möglichst zahlreicher Besitz- und Eigentumsverhältnisse diente dem Ziel, im Falle eines NS-verfolgungsbedingten Entzugs gemäß den Washingtoner Prinzipien „faire und gerechte Lösungen“ zu finden.
Das Städtische Museum hatte bereits 2008 und 2010 durch eigenständige Provenienzrecherchen 125 NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, die aus jüdischen Göttinger Familien in die Sammlung gelangt sind, identifizieren können.
Das Provenienzforschungsprojekt führte diese Untersuchungen fort und prüfte sämtliche Objekte auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug. Dabei wurde die Forschung vor allem auf die sogenannten Drittanbieter wie Auktionatoren, Antiquitäten- und Trödelhändler sowie öffentliche Einrichtungen und Institutionen (z. B. Wohlfahrtsämter), die bei den vorherigen Provenienzrecherchen bislang nicht berücksichtigt werden konnten, ausgedehnt.

Eine Besonderheit des Projekts war die Einbeziehung von zwei nicht-jüdischen Opfergruppen: der Freimaurer und der studentischen Verbindungen. Sie waren in der NS-Provenienzforschung bisher noch weitgehend unbeachtet geblieben, so dass hier ein übergeordnetes, historisches und wissenschaftsgeschichtliches Interesse bestand. Objekte der Göttinger Freimaurerloge „Augusta zum goldenen Zirkel“ gelangten verfolgungsbedingt durch das Verbot der Freimaurerei durch die Nationalsozialisten und in Folge der Zwangsschließung der Göttinger Freimaurerloge 1935 ins Museum. Durch den freimaurerischen Museumsgründer Moriz Heyne (1837-1906) und die Beherbergung der Loge „Augusta zum goldenen Zirkel“ in den Jahren 1813 bis 1832 im Hardenberger Hof, dem damaligen und aktuellen Sitz des Städtischen Museums Göttingen, ist die Geschichte der Göttinger Freimaurerloge eng mit dem Museum verknüpft.
Die Objekte im Städtischen Museum stammten teilweise aus der Beschlagnahmungsmasse. Ihr Weg ins Museum konnte nicht rekonstruiert werden. Andere Objekte, die der Loge einst gehörten, wurden durch ehemalige Brüder eingeliefert. Sie gehörten nicht zur Beschlagnahmungsmasse und wurden möglicherweise vor der Beschlagnahme aus dem Logenhaus gebracht.
Die studentischen Verbindungen wurden vom NS-Regime aufgelöst und als NS-Kameradschaften „gleichgeschaltet“. Bezüglich der Übernahme von Objekten aus studentischen Verbindungen ins Museum wurde geprüft, inwiefern die Zwangslage der einzelnen Mitglieder oder der Verbindung ausgenutzt wurde. Für die Untersuchung wurden vorerst jene drei Verbindungen ausgewählt (die Corps Saxonia und Brunsviga sowie die Burschenschaft Frisia), die mit der größten Anzahl an Objekten in der Sammlung vertreten sind. Der überwiegende Anteil fand als Leihgabe Eingang in die Sammlung. Mit großer Wahrscheinlichkeit gaben die Studentenverbindungen diese zur Aufbewahrung ins Museum. Nach der Auflösung der Verbindungen war es nicht mehr erlaubt, die meist auf den Objekten befindlichen Zeichen und Symbole einer Verbindung zu verwenden. Die ins Museum gelangten Objekte ergänzten besonders die zu dieser Zeit vorbereitete Sonderausstellung zum 200jährigen Universitätsjubiläum.

Eine zweite Besonderheit des Projektes bildete die Untersuchung, ob die damaligen Museumsleiter Herbert Krüger und sein Nachfolger Otto Fahlbusch gezielt die durch das NS-Regime geschaffenen Bedingungen nutzten, um den Sammlungsbestand systematisch auszubauen, ob es dazu einen Sammlungsauftrag durch die Stadt gab oder ob sie aus eigenem professionellem Antrieb als Museumsleiter agierten.
In der NS-Zeit erlebte das Städtische Museum eine grundlegende Neuaufstellung. Diese Neuaufstellung geschah auf Wunsch der Stadtverwaltung. Für dieses Ziel wurde die Museumsarbeit professionalisiert und die Museumsleitung fest angestellt. Auf den jungen Kunsthistoriker Herbert Krüger, der nur knapp drei Jahre im Amt war, folgte der erfahrene Historiker Otto Fahlbusch. Dieser erweiterte die Sammlungsbestände des Museums kontinuierlich und systematisch. Ohne erkennbares Unrechtbewusstsein erwarb er Objekte von Personen und Personengruppen, die verfolgungsbedingt und aus einer Zwangslage heraus Angebote unterbreiteten. Es war für ihn unerheblich, ob die Objekte seiner Wahl aus Versteigerungen, Auktionen oder von nachweislich NS-verfolgungsbedingt unter Zwang handelnden Personenkreisen stammten. Er übernahm Objekte von kommunalen Behörden wie der Kriminalabteilung und dem Wohlfahrtsamt, die erwiesenermaßen Gegenstände aus Beschlagnahmen bzw. zurückgelassenen Haushaltsbeständen versteigerten.
Fahlbusch verfügte dabei über eine hohe Fachkompetenz, die sich über alle Sammlungsgruppen erstreckte und hervorragende Kenntnisse in Material- und Stilkunde sowie der aktuellen Markt- und Verkaufspreise einschloss. Die Sammlungserweiterungen der Jahre 1936 und 1937 standen vor allem im Zeichen der Planungen für die anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Göttinger Universität veranstaltete Sonderausstellung. Fahlbuschs akribische Bemühungen galten der qualitativen und methodisch-didaktisch einwandfreien Konzeption der Abteilungen und Ausstellungen.

3.465 Objekte sind als unbedenklich einzustufen, was etwa 58 % der Gesamtsumme entspricht. Die Objekte stammen meist von Privatpersonen aus eigenem Familienbesitz oder sind archäologische Artefakte, die von Privatpersonen gefunden wurden. Auch die Eingänge von Vereinen, der Universität und den Herstellern gehören zu den unbedenklichen Einlieferungen. Bei diesen handelt es sich um Objekte wie Fotos und Modelle, die für Ausstellungen eigens angefertigt und inventarisiert wurden. Des Weiteren zählen knapp ein Viertel der Eingänge von Händlern, über die Hälfte der Eingänge aus unbekannter Quelle und die der Museen zu dieser Kategorie, da sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug ausschließen ließ.
Unklar sind insgesamt 2.036 Objekte, die sich vorwiegend aus Eingängen von Privatpersonen und aus unbekannter Quelle zusammensetzen. Auch 490 Objekte von Händlern gehören zu dieser Kategorie, da in diesen Fällen sich die Unbedenklichkeit bzw. Bedenklichkeit nicht zweifelsfrei nachweisen ließ.
303 Objekte wurden als bedenklich bzw. verdächtig eingestuft. Dies betrifft vor allem Objekte aus Händlerkontexten und alle Einlieferungen der studentischen Verbindungen. Nur wenige Eingänge von Privatpersonen konnten als verdächtig identifiziert werden.
Eindeutig belastet sind 151 Objekte, die vorwiegend von Händlern und Privatpersonen eingeliefert wurden. Dabei handelt es sich um Objekte der jüdischen Familien Hahn, Kahn, Franck, Hirsch und Rosenberg sowie Münzen des Händlers Georg Pfanneberg.

Publication

Saskia Johann, NS-Provenienzforschung am Städtischen Museums Göttingen, in: Göttinger Jahrbuch 67 (2019), Göttingen 2020, S. 131-141.
Saskia Johann, Provenienzforschung im Städtischen Museums Göttingen, in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus den niedersächsischen Archiven 23 (2019), Lüneburg 2020, S. 84-86.

Exhibition

„Unter Verdacht – NS-Provenienzforschung im Städtischen Museum Göttingen“, Städtisches Museum Göttingen, 08.09. – 08.12.2019, https://museum.goettingen.de/unter-verdacht-ns-provenienzforschung-im-staedtischen-museum-goettingen/

© Städtisches Museum Göttingen, August 2020