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Systematische Erforschung und Rekonstruktion der Adolf-von-Menzel-Sammlung des Bankiers und Kunstsammlers Ludwig Ginsberg

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Dodi Reifenberg in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin - Fachbereich Kunstgeschichte der Moderne Bundesland Berlin Ansprechpartner
  • Pauline Hanson
    Telefon: +49 (0) 30 314 28401
    Projektbericht_Ansprechpartner_EMAilhanson@tu-berlin.de
Projekttyp Langfristiges Projekt zur Rekonstruktion einer Sammlung Projektlaufzeit
  1. Januar 2019 bis November 2020

Beschreibung

Die Menzel Sammlung Ginsberg

Das einjährige Forschungsprojekt widmet sich der systematischen Überprüfung und Recherche der Adolph von Menzel Sammlung des Berliner Bankiers Ludwig Ginsberg (1873 – 1939). Die umfangreiche Sammlung enthielt Papierarbeiten von zum Teil besonderer Güte und Schönheit und umfasste eine Vielzahl seltener Drucke. Sie wurde als die größte Menzelsammlung, die sich je in Privatbesitz befunden hat1 beschrieben. Die Sammlung Ginsberg wurde in mehreren Margen versteigert und ist heute zum größten Teil verschollen. Bisher sind Werke aus der Sammlung im Kupferstichkabinett Berlin und am Leopold-Hoesch-Museum in Düren aufgetaucht. Beide Museen werden die verfolgungsbedingt in ihre Sammlungen gelangten Werke restituieren.

Aufgabe des Projekts ist es zu erforschen, welche Werke die Sammlung umfasste, wann und unter welchen Umständen sie versteigert oder veräußert wurden und wo sich diese heute befinden. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Kunstgeschichte der Moderne (Prof. Dr. Bénédicte Savoy) an der TU Berlin durchgeführt.

Die Familie Ginsberg

Ludwig Ginsberg gehörte zu einer wohlhabenden Familie des aufstrebenden jüdischen Bürgertums. Die Familie stammte ursprünglich aus Russland und besaß im 19. Jahrhundert Fabriken zur Baumwollverarbeitung in Polen. 1866 wurde das Bankgeschäft Gebrüder Ginsberg gegründet, in dem auch Ludwig Ginsberg bis zum Zeitpunkt der „Arisierung“ 1938 als Gesellschafter tätig war. Bereits seine Eltern Adolf und Franziska Ginsberg waren als Stifter und Unterstützer vieler sozialer und wissenschaftlicher Einrichtungen in der Berliner Gesellschaft verankert. Die Schriftstellerin Gabriele Tergit, die 1928 einen Enkel der beiden geheiratet hatte, setzte Adolf und Franziska Ginsberg in ihrem Roman Effingers2 ein literarisches Denkmal.

Ludwig Ginsberg war viele Jahre Vorsitzender der Israelitischen Taubstummmenanstalt in Berlin-Weißensee. Unter seinen Geschwistern, Cousins und Neffen befanden sich großzügige Unterstützer unterschiedlichster deutscher Institutionen. Ihre Biografien spiegeln die enge Verflechtung des jüdischen Bürgertums mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Leben im Berlin der Jahrhundertwende und Weimarer Republik. Zur Familie gehörten unter anderem die Kunstsammler Dr. Max Ginsberg (Sammler islamischer Kunst) und Dr. Herbert Ginsberg (Sammler asiatischer Kunst, Gründungsmitglied und Schatzmeister der Deutschen Gesellschaft für Ostasiatische Kunst), der Forschungsreisende Hermann Burchard, der Professor für Augenheilkunde Dr. Siegmund Ginsberg, der Architekt Heinz Reifenberg sowie der Schauspieler Ernst Ginsberg. Ludwig Ginsbergs Onkel, der Stadtverordnete Louis Sachs war zudem langjähriger Vorsitzender des Vorstandes des Jüdischen Krankenhauses und gründete mit seiner Frau Rosa (geb. Ginsberg) 1899 das Jüdische Erholungsheim Lehnitz.

Bronislaw Huberman und die Familie Ginsberg

Das Elternhaus Ludwig Ginsbergs in der Viktoriastraße 9 war ein liberales und offenes Haus. Es war auch die Wahlheimat des Violinisten Bronislaw Huberman. Huberman, ein musikalisches Wunderkind aus einfachen russisch-polnischen Verhältnissen, der 1892 zur Förderung nach Berlin kam, wurde im Haus der Ginsbergs neben dem jüngsten Sohn Wilhelm erzogen. Er wurde einer der berühmtesten Violinisten seiner Zeit. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten weigerte sich Huberman in Deutschland aufzutreten. 1936 gründete er das Palestine Orchestra (heute Israel Philharmonic Orchestra) und ermöglichte in dieser Position fast tausend Menschen die Flucht und das Überleben.

Auch erfüllte Huberman Ludwig Ginsbergs vielleicht wichtigsten Wunsch. Er ermöglichte der älteren Tochter Alice Ginsberg, durch seine finanzielle Unterstützung und seine internationalen Kontakte, die Flucht aus Deutschland. Sie konnte noch kurz vor Kriegsausbruch nach London emigrieren. Die Korrespondenz zwischen den Ziehbrüdern belegt die lange, enge Freundschaft, dient aber auch als Zeugnis für den grausamen Ausschluss Ludwig Ginsbergs aus der Gesellschaft und dem Bankgeschäft durch die Nationalsozialisten. Ludwig Ginsberg starb 1939, krank und verzweifelt, in Berlin. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seine Tochter Alice und seinen gesamten Besitz sowie das Familienunternehmen, das Bankhaus Gebrüder Ginsberg, aufgrund der brutalen Entrechtung unter den Nationalsozialisten verloren. Seine mit ihm in Berlin verbliebene, unmündige Tochter Lotte wurde 1942 deportiert und ermordet. Heute ist die Familie Ginsberg aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt Berlin verschwunden.

Die Forschung zum Verfolgungsschicksal Ludwig Ginsbergs sowie der „Arisierung“ der Bank Gebrüder Ginsberg sind ebenso Gegenstand des Projekts. Die Recherchearbeiten werden von der Autorin und Filmemacherin Julia Albrecht begleitet, die das Projekt gemeinsam mit Dodi Reifenberg, einem Nachfahren der Familie, initiiert hat. Des Weiteren wird eine Monographie sowie eine Ausstellung zur Geschichte der Familie erarbeitet.

1) Elfried Bock, damaliger Leiter des Kupferstichkabinetts Berlin, in: Vorwort zum Versteigerungskatalog C.G.Boerner und Paul Graupe, 5.12.1930
2) Neuauflage 2019 bei Schöffling & Co, Frankfurt a. Main

Adolph von Menzel. Skizzen nach eigenen Zeichnungen. Notizen zu einer Postsendung an Bruckmann vom 10.April 1883 Adolph von Menzel. Skizzen nach eigenen Zeichnungen. Notizen zu einer Postsendung an Bruckmann vom 10. April 1883 Adolph von Menzel. Skizzen nach eigenen Zeichnungen. Notizen zu einer Postsendung an Bruckmann vom 10.April 1883 Quelle:  Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin (vormals Sammlung Ginsberg, Berlin)

© Technischen Universität Berlin - Fachbereich Kunstgeschichte der Moderne, April 2019