Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Recherche zum Ankauf der Sammlung Dr. Conrad Doebbeke von 1949 und 1954 durch die Landeshauptstadt Hannover

Zuwendungsempfänger Landeshauptstadt Hannover Bundesland Niedersachsen Website Provenienzforschung zur städtischen Kunstsammlung Lost Art-Meldung zu Fundmeldungen der Einrichtung Ansprechpartner Projekttyp Langfristiges Projekt zur zur Kontextforschung Projektlaufzeit
  1. September 2010 bis August 2011

Beschreibung

Die Landeshauptstadt Hannover verfügt aufgrund einer reichen und langjährigen Sammlungsgeschichte über umfangreiche Bestände verschiedener Kunstgattungen und Epochen. Laufende Forschungsprojekte zur städtischen Kunstsammlung haben die Prüfung von möglicherweise während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmten oder verfolgungsbedingt veräußerten und folgend durch die Stadt erworbenen Kunstwerken als auch die Ermittlung möglicher anspruchsberechtigter Rechtsnachfolger zum Ziel. Neben der Herkunftserforschung zu solchen Erwerbungen, die noch während des nationalsozialistischen Regimes mutmaßlich unrechtmäßig in die städtische Sammlung aufgenommen und nach 1945 nicht unmittelbar entschädigt wurden, konzentriert sich die Herkunftsprüfung gemäß der Washingtoner Prinzipien heute besonders auf solche Kunstwerke und deren Biografien von vormaligen Eigentumswechseln, die erst nach 1945 in städtisches Eigentum gelangten.

Zum Wiederaufbau der städtischen Kunstsammlung nach Ende des II. Weltkrieges erfolgte mit dem Jahr 1949 der Ankauf eines Sammlungskonvolutes von rund 120 Gemälden, Grafiken und Skulpturen des Dr. Conrad Doebbeke (1889-1954) aus Berlin-Wannsee durch die Zuständigkeit der Landeshauptstadt Hannover. Die erworbenen Kunstwerke wurden seit 1950 in der im Landesmuseum Hannover beheimateten Städtischen Galerie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit Gründung des Sprengel Museums Hannover im Jahr 1979 erfolgte die Überführung der ‚Moderne‘ in den Neubau, während die Werke des 19. Jahrhunderts am bisherigen Ort verblieben.

Die Sammlung, welche die Stadt Hannover von Conrad Doebbeke übernahm – um, so wurde seinerzeit argumentiert, die während der Zeit der Nazidiktatur erlittenen Verluste wie die durch die Reichskulturkammer durchgeführte Beschlagnahmeaktion von 1937 auszugleichen – war ein Spektrum an Kunstwerken bedeutender Vertreter des deutschen Impressionismus wie von Lovis Corinth und Max Liebermann. Weiter figurieren darunter die Namen Wilhelm Lehmbruck, Hans von Marées, Max Slevogt, Wilhelm Trübner oder des Bildhauers August Gaul. Meisterwerke der Klassischen Moderne, besonders des Expressionismus - und damit solche der im Hitlerregime als verfemt und entartet geltenden Künstler wie von Erich Heckel, Alexei Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Müller, Emil Nolde, Max Pechstein, Christian Rohlfs, Karl Schmidt-Rottluff oder von Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker, bereichern das Konvolut.

Die ursprünglich erwerbende städtische Institution war das Kestner Museum in Hannover (heute Museum August Kestner). Federführend wirkte der damalige Direktor des Niedersächsischen Landesmuseums (ehem. Provinzialmuseum) Ferdinand Stuttmann, der seit der 1937 aufgrund nationalistischer Politik erfolgten Entlassung des eigentlich tätigen Direktors des Kestner Museums, Karl Küthmann, auch für die kustodische Betreuung der städtischen Gemäldesammlung zuständig geworden war.

Die erhaltenen Korrespondenzen, welche die Ankaufsvorgänge des Sammlungskonvolutes durch die Stadt Hannover, aber auch Einlagerungen im Landesmuseum und Transportaktionen an Dritte belegen, befinden sich heute im Stadtarchiv Hannover und im Niedersächsischen Landesarchiv.

Nach bisherigem Kenntnisstand ist ein privater Nachlass der Familie Conrad Doebbekes nicht existent, weshalb die Forschungen auf parallele Überlieferungen aus Herkunft amtlicher Vorgänge angewiesen sind. Im Fokus standen im Rahmen des Projektes deshalb Nachforschungen zur Herkunft, dem persönlichen und familiären Umfeld, dem biografischen und beruflichen Werdegang des unter Berliner Adressen gemeldeten ehemaligen Immobilienhändlers Conrad Doebbeke, der nach Ende des II. Weltkrieges offiziell durch die Anmeldung eines Gewerbes zum Kunsthändler avancierte. Aus der Ehe Conrad Doebbekes mit Elsa, geb. Magnussen, ging ein Sohn Tomy hervor.

Ebenso erwarben andere Museen in der Bundesrepublik seit den 1950er Jahren aus vormaligem Eigentum Doebbekes, wenn auch in deutlich geringerer Zahl. Eine von 1953 datierende Liste verweist auch nach dem in Hannover erfolgten Ankauf auf einen Bestand von immer noch über 350 Werken moderner und ‚verfemter’ Kunst in Eigentum von Conrad Doebbekes Ehefrau Elsa. Eine Kooperation mit den beteiligten Museen, die bis in die 1950er Jahre Teile von Doebbekes Kunstsammlung temporär einlagerten oder ebenso Einzelwerke erwarben, konnte während des Projektzeitraumes hergestellt werden.

In den National Archives in Washington finden sich Dokumente, die zurückgehen auf ein mit den Alliierten geführtes Rechtsverfahren. Ein 1945 von der US-Militärregierung aus Wiesbadener Bankendepots sichergestelltes Konvolut von Kunstwerken wurde darin gelistet, deren Erwerb durch eingereichte Bescheinigungen von beteiligten Händlern beglaubigt wird, die zugleich Hinweise auf Doebbekes Agieren als Käufer von Kunst während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes liefern.

Entsprechend der bei Projekt-Antragstellung formulierten Zielsetzung, konnte eine

• Erschließung und Sicherung des Archivbestandes zum Erwerb der Sammlung Dr. Conrad Doebbeke durch die Stadt Hannover von 1949 und in den nachfolgenden Jahren erfolgen,

• die Recherche der sich weitgehend auf Berlin konzentrierenden Handelswege und Ankaufsvorgänge wie auch zur Herkunft der Kunstwerke aus der Sammlung Doebbeke intensiviert und die

• Provenienzforschung einzelner Kunstwerke aus dem Ankauf der Sammlung Dr. Conrad Doebbeke durch die Stadt Hannover von 1949 und in den nachfolgenden Jahren

durchgeführt werden.

Durch die gezielte Abfrage in solchen ehemals zuständig gewesenen Archiven konnten gemäß ermittelbarer Anhaltspunkte während des Förderzeitraumes die Personen- und Lebensdaten von Conrad Doebbeke selbst, aber auch seiner Familie ermittelt werden.

Zu den relevanten Aktenbeständen zählen die Akten:

• des Stadtarchivs Hannover,

• des Niedersächsischen Landesarchivs Hannover,

• des Bundesarchivs Berlin sowie

• der Washington National Archives.

Im Jahr 2007 war aus Ankauf des Sammlungsbestandes Dr. Conrad Doebbekes das Gemälde Lovis Corinth, Römische Campagna 1914 an die Erbengemeinschaft von Dr. Curt Glaser (1879 – 1943) infolge eines Beschlusses durch den städtischen Rat restituiert worden. Das Gemälde war übernommen aus dem Erbe seines 1931 verstorbenen Bruders Felix und am 9. Mai 1933 innerhalb der „Sammlung und Bibliothek eines Berliner Kunstfreundes“ in Berlin verauktioniert worden (Internationales Kunst- und Auktions-Haus GmbH. Berlin, Kurfürstenstraße 79, 9. Mai 1933; Kat. Nr. 156, Lot. Nr. 264, Abb. Taf. 5). Ein durch Doebbeke bei dieser Auktion persönlich erfolgter Ankauf konnte bislang nicht nachgewiesen werden, ebenso wenig wie bei den bereits in den 1950er Jahren restituierten drei Gemälden von Lovis Corinth und Oskar Kokoschka.

Die Recherchen zum Erwerb der Sammlung Conrad Doebbeke wie auch der Herkunft seiner an die Landeshauptstadt Hannover veräußerten Kunstwerke werden durch die städtische Stelle für Provenienzforschung fortgesetzt.

Zur Herstellung von Transparenz gemäß den Washingtoner Prinzipien erschließt die Landeshauptstadt Hannover ihre Erwerbungsvorgänge seit 1933 systematisch. Nachweislich verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut wird in der Lost Art-Datenbank veröffentlicht. Im Sinne der aktiv zu leistenden Provenienzforschung hat sich die Landeshauptstadt mit 14 weiteren Museen an dem Internet- und Ausstellungsprojekt zu dem von den Nationalsozialisten verfolgten Kunsthändler Alfred Flechtheim www.alfredflechtheim.com beteiligt und die ehemals durch ihn gehandelten, heute in städtischem Kunstbesitz befindlichen Kunstwerke auf ihre Provenienz hin untersucht.

Veröffentlichung

Annette Baumann, Provenienzforschung zum Kunstbesitz der Landeshauptstadt Hannover – Sammlungsbestände moderner Kunst im Sprengel Museum und dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, in: U. Krempel – W. Krull – A. Wessler (Hrsg.), Erblickt, Verpackt und mitgenommen – Herkunft der Dinge im Museum. Provenienzforschung im Spiegel der Zeit, Hannover 2012, S. 49-72 mit weiterer Literatur.

Annette Baumann, Die Auflösung der Sammlung Heinrich Kirchhoff. Zur Verbindung von Tony Kirchhoff und dem Kunsthändler Conrad Doebbeke, in: Ausst.-Kat. Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff. Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde…, Roman Zieglgänsberger und Sibylle Discher für das Museum Wiesbaden, Petersberg 2017, S. 381-395.

© Landeshauptstadt Hannover, Stelle für Provenienzforschung zum Kunstbesitz der Landeshauptstadt Hannover, Dr. Annette Baumann, Stand: 13.7.2015