Website der Stiftung "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste"

Sammlung Edith und Georg Tietz - Identifizierung, Verzeichnung, Recherche, Dokumentation, Restitution

Zuwendungsempfänger Stadtbibliothek Bautzen Bundesland Sachsen Website Forschungen im Altbestand der Stadtbibliothek Lost Art-Meldung zu Fundmeldungen der Einrichtung Ansprechpartner Projekttyp Langfristiges Projekt zur systematischen Prüfung von Sammlungsbeständen Projektlaufzeit
  1. Mai 2017 bis April 2018

Beschreibung

Ziel des Projekts war die umfassende Identifizierung der im Zusammenhang des nationalsozialistischen Bücherraubs in den Bestand der Stadtbibliothek Bautzen gelangten Büchersammlung der Familie Edith und Georg Tietz. Die Bücher wurden im Lokalsystem erfasst, die Zugangsumstände erforscht und in Abstimmung mit den Erben eine faire Lösung gefunden.
Die Firma der Nachfahren der „Hermann Tietz & Co. Warenhäuser“ (HERTIE) wurde im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 „arisiert“ und die drei Teilhaber Georg Tietz, Martin Tietz und deren Schwager Dr. Hugo Zwillenberg 1934 aus der Unternehmensleitung gedrängt. Nach der Emigration der Familien wurde deren Besitz durch das Oberfinanzpräsidium Berlin-Brandenburg beschlagnahmt, später versteigert und verkauft. Die bedeutende, über 4000 Bände zählende Büchersammlung des Ehepaares Edith und Georg Tietz erwarb 1944 die Reichstauschstelle des Reichsministeriums des Inneren und lagerte sie in einem ihrer sächsischen Außendepots in der Nähe von Bautzen ein. Laut Max Niederlechner, der die Bibliothek 1943 im Auftrag des Oberfinanzpräsidiums Berlin-Brandenburg schätzte, war sie „eine der schönsten“, die er je geprüft hatte. Romane der Weltliteratur, Schriften zur Ökonomie, Almanache und verschiedensprachige Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert künden von einer gelehrten, kunstsinnigen Sammlerpersönlichkeit.
Neben der Sammlung des Ehepaars Tietz fanden sich in geringerem Umfang weitere Vorbesitzer in dem von der Reichstauschstelle stammenden Buchbestand. Hierbei konnte zusätzlich die Provenienz „Schlesinger“ identifiziert werden. Es handelt sich um das Ehepaar Helene und Carl Julius Schlesinger. Carl war der letzte Inhaber des Bankhauses Abraham Schlesinger in Berlin, Jägerstraße 55. Das Bankhaus ging 1938 in Liquidation und das Ehepaar Schlesinger wurde mit den beiden Kindern Erika und Hans mit dem 20. Osttransport deportiert und ermordet.
Auch zwei gewerkschaftliche NS-Raubgut-Fälle konnten an die rechtmäßigen Besitzer bzw. ihre Rechtsnachfolger restituiert werden. In beiden Fällen konnten Überlassungsvereinbarun-gen getroffen werden, so dass die Bibliothek Besitzerin der Bände bleibt und wie bei allen Raubgutfällen sowohl Eigentümer (Provenienz) als auch Zugangsumstände (NS-Raubgut) entsprechend ausweist.
Um die Forschungsergebnisse transparent zu verzeichnen wurden die NS-Raubgut-Bücher im vorhandenen Bibliothekssystem (WebOPAC) mit den aufgefundenen Provenienzmerkmalen versehen und mit ihrem Normdatensatz (GND) bei der Deutschen Nationalbibliothek verknüpft. Zudem wurden in Kooperation mit der SLUB Dresden die Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Bautzen in die Deutsche Fotothek eingestellt.
Die NS-Raubgutfälle wurden an die Lost Art-Datenbank gemeldet und die aufgefundenen Provenienzmerkmale mit den Eigentümerdokumentationen dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste zur Verfügung gestellt.

* Provenienzmerkmal von Edith und Georg Tietz Provenienzmerkmal von Edith und Georg Tietz

© Stadtbibliothek Bautzen, April 2018