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Provenienzrecherche Franz Marc, Füchse, 1913

Förderbereich NS-Raubgut Zuwendungsempfänger Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf Bundesland Nordrhein-Westfalen Website http://www.smkp.de/sammlungen/forschung-dokumentation/provenienz/ Lost Art-Meldung zu Fundmeldungen der Einrichtung Ansprechpartner Projekttyp Kurzfristiges Projekt aufgrund von aktuellem Recherchebedarf Projektlaufzeit
  1. September 2015 bis April 2016

Beschreibung

Im Jahr 1962 erhielt das Kunstmuseum Düsseldorf (heute Stiftung Museum Kunstpalast) das Ölgemälde „Die Füchse“ (1913) von Franz Marc durch die Schenkung Helmut Horton. Seitdem befindet sich das Gemälde im Eigentum der Stadt Düsseldorf. Im Februar 2015 ging beim Museum ein Restitutionsgesuch zu dem Gemälde ein, das aus dem Besitz des jüdischen Geschäftsmannes Kurt Grawi stammt.
Ziel des Projekts war die Klärung der Provenienz und das Aufdecken jeglichen Zusammenhangs zu einem erzwungenen oder unfreiwilligen Verkauf / Verlust des Gemäldes „Die Füchse“ von Grawi oder einer anderen Person durch direkte Maßnahmen der Nationalsozialisten. Die Nachforschungen konzentrierten sich auf die Rolle von Kurt Grawi, der Galerie Karl Nierendorf (Berlin, New York und/oder Los Angeles), Alois Schardt, Berlin (Autor des Werkverzeichnisses von Franz Marc von 1936), der Sammlung von William und Charlotte Dieterle (Beverly Hills, Kalifornien) und anderer Personen, die mit dem Besitzwechsel des Gemäldes in den 1930ern und 1940ern in Verbindung standen.
Zu Beginn der Nachforschungen waren wenig Unterlagen vorhanden, um den Verlauf der Besitzerwechsel bis 1939 nachzuvollziehen, als das Werk laut Werkverzeichnis von Annegret Hoberg und Isabelle Jansen (C. H. Beck Verlag, München 2004), in den Besitz von William und Charlotte Dieterle in Los Angeles gelangte. Da das Museum bereits verschiedene Nachforschungen in deutschen Archiven getätigt hatte, die keine weiterführenden Erkenntnisse erbrachten, zielte dieses Projekt besonders auf die Recherche in amerikanischen Archiven ab. Das Museum Kunstpalast beauftragte daher die amerikanische Provenienzforscherin Laurie Stein mit dem Projekt.

Die Ergebnisse in Kurzform:
Kurt Grawis Festnahme und Gefangenschaft 1938 im KZ-Sachsenhausen führten dazu, dass er mit seiner Frau und seinen Stiefkindern aus Deutschland fliehen musste. Grawis Frau, eine Nichtjüdin, konnte 1939 die auf sie überschriebenen Immobilien in Berlin verkaufen und im selben Jahr den Transport und Umzug von Familienbesitz nach Chile organisieren.
Kurt Grawi verstarb 1944 an einem Krebsleiden in Chile. Nach dem Krieg beantragte Else Grawi Rückerstattung und Entschädigung durch die jeweiligen Programme. Die von ihr angegebenen Verluste umfassten eine ganze Reihe von Schäden wie Übertragungsverluste, der Verkauf der Immobilien unter Marktwert, die Kosten der Auswanderung, berufliche Neuorientierung usw., unter den Hausratverlusten ist auch ein Kunstwerk aufgeführt: eine Georg Kolbe-Plastik. Ein Werk von Franz Marc wird darin nicht genannt und es wird weder ein Verkauf von „Die Füchse“ noch anderer Gemälde erwähnt.
Das Gemälde „Die Füchse“ war zuletzt 1936 nachweislich bei Kurt Grawi. Danach tauchte das Werk erst 1940 in den USA bei einem gewissen Ernest Simon, New York, wieder auf und wurde dann über die Galerie Nierendorf, New York an einen neuen und unbekannten Käufer veräußert. Das Gemälde wurde 1941 in dem Buch The Story of Modern Art von Sheldon Cheney mit einem Verweis auf Nierendorf veröffentlich. Prof. Dr. Klaus Lankheit, Autor zweier Publikationen von 1950, in denen „Die Füchse“ erwähnt wird, und späterer Verfasser von Franz Marc – Katalog der Werke (1970) vermerkt, dass sich das Gemälde „Die Füchse“ 1939 bei Dieterle befindet. Dieterle-Unterlagen legen jedoch einen Erwerb erst um 1940 durch Dieterle über Nierendorf nahe. Die Verbindung zwischen Dieterle, Nierendorf und Schardt wird durch die Untersuchungen bestätigt, dabei hatten die beiden Letzteren Kenntnis von Grawis früherem Besitz des Werks. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Else Grawi oder ihre Rechtsvertreter in der Nachkriegszeit den Kontakt zu Schardt oder Nierendorf suchten – weder um sich über den Verbleib von „Die Füchse“ zu erkundigen, noch um eine Entschädigung für einen Verkauf unter Wert während der NS-Zeit zu fordern.
Einer der bedeutendsten Funde dieses Forschungsprojekts waren wesentliche Unterlagen zu dem Gemälde „Die Füchse“ in der Korrespondenz der Curt Valentin Papers (MoMA Archives, N.Y.C.). Bei den Dokumenten handelt es sich um Leihgeberkorrespondenz und Fotografien von Marc-Werken für eine Ausstellung in New York 1940. Aus ihnen geht hervor, das Valentin zu dieser Zeit in Kontakt zu einer Person namens Ernest Simon, 560-562 Fifth Avenue, N.Y., stand. Simon war deutsch-jüdischer Geschäftsmann, der jedoch seit 1933 die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß. Die Korrespondenz macht deutlich, dass Valentin wusste, dass sich das Gemälde „Die Füchse“ bei Simon befand und er hoffte darauf, es für seine bevorstehende Franz-Marc-Ausstellung zu leihen. Durch die Simon-Valentin-Unterlagen konnte dokumentarisch belegt werden, dass sich der Marc im September-Oktober 1940 nicht mehr in Deutschland befand. Die Unterlagen bestätigen ebenfalls, dass der Marc zu dieser Zeit bereits verkauft oder zumindest bei Nierendorf, N.Y. eingeliefert worden war.
Was die Verbindung Grawi und Simon betrifft, ist es bisher nicht gelungen zu rekonstruieren, ob die beiden in Berlin berufsbedingt (sie waren in einer sehr ähnlichen Branche tätig), durch die Familie oder über jüdische Kreise in Kontakt zueinander standen.
Aufgrund der bisher gesammelten Informationen zeigt die Provenienz von Franz Marc „Die Füchse“ einen Erwerb des Gemäldes außerhalb von NS-Deutschland bis 1940 über oder von Ernest Simon, N.Y., über Karl Nierendorf, N.Y., 1940-42 an William und Charlotte Dieterle, Los Angeles, Kalifornien.

Recherchen fanden u.a. statt bei:
Art Institute of Chicago Library/University of Chicago Library: Bibliographische Nachforschungen. Surrogate’s Court, New York City: Einblick in Besitzakte Unterlagen aus Karl Nierendorfs Nachlass in New York. Guggenheim Archive, New York City: Einblick in Unterlagen und Erkenntnisse aus Jahren der Nierendorf-Forschung. MoMA Archives, New York City: Einblick in das Archiv mit Unterlagen zu Nierendorf. National Archives and Records Administration (NARA), College Park, Maryland: Einblick in Unterlagen zu Karl Nierendorf, Alois und Mary Schardt, zu Auslandsvermögen (TFR-300er) sowie zu Alliierten-Berichten über Kunsthändler in Deutschland und den USA mit Verbindungen nach Deutschland und ausländischem Eigentum, außerdem zu Dokumenten zu Dieterle und seiner Ehefrau, FOIA-Anfragen (Freedom of Information Act), darunter beim FBI und beim State Department; Archives of American Art, Washington D.C.; Getty Research Institute, Los Angeles; USC Archive, L.A.; Norman’s Frame Shop, L.A.; Stendahl Art Galleries, L.A.; Max Kade Institute, University of Wisconsin, Madison.

© Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf